{"id":754,"date":"2024-02-17T13:55:26","date_gmt":"2024-02-17T12:55:26","guid":{"rendered":"https:\/\/andreastheurer.web257.s153.goserver.host\/?page_id=754"},"modified":"2024-02-17T13:55:26","modified_gmt":"2024-02-17T12:55:26","slug":"text-jacobi-1992","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/text-jacobi-1992\/","title":{"rendered":"Text Jacobi 1992"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Fritz Jacobi . 1992<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">K\u00f6rperfl\u00e4chen als Raumzeichen<\/h2>\n\n\n\n<p>Zu neueren Skulpturen von Andreas Theurer<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist interessant zu sehen, wie sich in den letzten Jahren der bildhauerische Ausdruck von Andreas Theurer gewandelt hat. Im Zuge dieses Wandlungsprozesses, den man fast als Einschnitt in seiner k\u00fcnstlerischen Entwicklung bezeichnen kann, ist wohl die prinzipielle Bindung an die menschliche Figur nicht aufgegeben worden \u2013 auch wenn die Abstraktion zunehmend in die Gestaltfindung hineindr\u00e4ngt -, aber die Haltung zu ihr hat doch eine wesentliche Ver\u00e4nderung erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man diesen Vorgang in wenigen Worten zusammenfasst, so l\u00e4sst sich sagen: Andreas Theurer ist von einer k\u00f6rperbetonten, ganz auf das leibliche Volumen gerichteten Form zu einer statuarischen, st\u00e4rker in die Fl\u00e4che gespannten K\u00f6rperlichkeit gelangt, bei der eine spr\u00f6de, meist aufgerissene und nervige Au\u00dfenhaut die glatte, gerundete und den plastischen Kern \u00fcberziehende Oberfl\u00e4che der fr\u00fcheren Arbeiten abgel\u00f6st hat. Bis in die sp\u00e4ten achtziger Jahre hinein, bis zu seinem Wechsel von Braunschweig nach Berlin, dominierte in seinem Schaffen die massive, schwere und h\u00e4ufig von einer inneren Dramatik erf\u00fcllte Figur, zu der Theurer nicht zuletzt unter dem Einfluss seines Stuttgarter Lehrers Alfred Hrdlicka gefunden hatte und die er in einer durchaus verknappenden Form kubisch zusammenzog, um die enorme innere Spannung eines K\u00f6rpers nach au\u00dfen sichtbar zu machen. Die geballte Kraft des Physischen dr\u00fcckt sich in diesen meist gedrungenen Leibern dem Betrachter entgegen; eine zuweilen fast barocke Bewegungsenergie zeugt von den vitalen Intentionen des jungen K\u00fcnstlers. Wenngleich hier Anregungen von Bildhauern wie Giuliano Vangi, Waldemar Grzimek oder J\u00fcrgen Weber eingeflossen sind, so ist das Streben von Theurer nach einer eigenen, der blockhaften Archaik angen\u00e4herten oder auch einer grazilen Formenrealistik zugewandten Ausdrucksform deutlich zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Man gewinnt aufgrund der Arbeiten aus den letzten Jahren den Eindruck, dass Andreas Theurer zunehmend zu sich selbst gefunden hat und nun im Begriff ist, die ihm gem\u00e4\u00dfe k\u00fcnstlerische Sprache konsequent auszuformen und zu entwickeln. Die neuen Skulpturen haben eine Frische und Unmittelbarkeit, die in diesem Ma\u00dfe bisher nicht dagewesen ist. Die feste, zuweilen einzw\u00e4ngende H\u00fclle ist abgeworfen worden; seine Gestaltbildungen zeigen sich nun in einer narbigen, gebrochenen und eigenwillig rhythmisierten Form. Die Spuren des Werdens bleiben sichtbar und deuten damit zugleich auf die Verg\u00e4nglichkeit hin, die sie zu eigenartigen Markierungen des Vor\u00fcbergehenden macht. Da, wo vormals die Eindeutigkeit des K\u00f6rperlichen den Raum verdr\u00e4ngte, stehen nun schmalgliedrige, blattartig ausgebreitete Formen, die den Raum aufnehmen oder in ihn hineinsto\u00dfen, sich mit ihm verbinden. Die fragile Gef\u00e4hrdung, durch torsierte und fragmentarisch belassene Formstrukturen auf den Plan gerufen, pr\u00e4gt nun die Figurationen von Andreas Theurer.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Plastiken und Skulpturen \u2013 vor allem der Sandstein spielt jetzt eine beherrschende Rolle bei den von ihm verwendeten Materialien \u2013 sind Gestaltzeichen geworden, die noch auf den menschlichen K\u00f6rper hindeuten, ihn zugleich aber \u201everschleiern\u201c, aufbrechen, segmentieren oder ihn in abstrahierte Formgef\u00fcge einbinden. Die K\u00f6rper wirken zum Teil wie entmaterialisiert, wie schattenhafte Verschwebungen, die sich einem stabilen Standort zu entziehen und wie schemenhafte Figurinen vor\u00fcberzugleiten scheinen. Ihre Deutbarkeit erw\u00e4chst vor allem aus dem Kontur, der die oft flache und nach den Seiten hin ausgreifenden Formzonen h\u00e4lt und gratartig begrenzt. Die Binnenformen selbst entwickeln sich wie karge Landschaften, die \u2013 von Kerbungen durchzogen \u2013 behutsam gesetzte Erh\u00f6hungen und Vertiefungen in sich vereinen. Felsartige Verkrustungen wechseln mit harten Einschnitten; ausgespannte, fast gleichbleibende Fl\u00e4chenpartien kontrastieren mit blockhaften Durchbr\u00fcchen oder Vorst\u00f6\u00dfen, h\u00e4ufig begleitet von farbig aufgetragenen Linienger\u00fcsten, die das Netz der Verzweigungen unmerklich auf anderer Ebene weiterf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfe Form des Blockes, vielfach in die aufstrebende Form der Stele hineingef\u00fchrt, und die empfindsam geschichtete Struktur der \u201eAu\u00dfenwandung\u201c erg\u00e4nzen sich zu einer stillen, fast versonnenen Erscheinung, die zugleich eine eigenartig bewegte, gleichsam vibrierende Ausstrahlung vermittelt. Diesen Skulpturen ist ein Moment der Meditation eigen. Die Kr\u00e4fte werden wohl gesammelt, geb\u00fcndelt, gerichtet, aber andererseits wird kaum ein fester Anhaltspunkt gew\u00e4hrt und immer wieder die Ganzheitlichkeit des Formgef\u00fcges vor Augen gef\u00fchrt. Nur selten ist die Mitte, das Zentrum betont: vielmehr verteilen sich die plastischen Str\u00f6me feld- und gew\u00e4chsartig \u00fcber die oft reliefhaft ausgedehnten K\u00f6rperfl\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p>So liegt es nahe, dass f\u00fcr Andreas Theurer das Wechselspiel der Formen eine wesentliche Bedeutung erh\u00e4lt. Am deutlichsten wird diese Beziehung in den Zweifigurengruppen wie dem \u201eDialog\u201c, einer feinf\u00fchlig gestalteten Paarung zweier fast lebensgro\u00dfer K\u00f6rper, bei der die Gegen\u00fcberstellung der beiden aufgerichteten Figuren zugleich ein Nebeneinanderstehen ist, was zu einer vergleichenden Betrachtung auffordert und den Blick hin- und herwandern l\u00e4sst. Aber auch die Einzelfiguren tragen dieses potentielle Hin\u00fcber- und Her\u00fcbergleiten des Blickes in sich. Die gegens\u00e4tzlichen Betonungen sind meist in die Seiten hineinverlagert und bilden von daher das Spannungsger\u00fcst, das den Betrachtungswechsel animiert. Bei Arbeiten wie dem \u201eTanz\u201c, dem \u201eMagischen Quadrat\u201c, der \u201eKleinen Illusion\u201c oder der \u201eTisch-Dame\u201c ist das deutlich zu beobachten, aber auch Skulpturen wie die sorgsam aufbereitete \u201eBalance\u201c \u2013 auch hier deutet der Titel schon auf eine solche Wertigkeit hin \u2013 und der gr\u00f6\u00dfte Teil der neueren Werke sind in eine solche Polarisierung eingebunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Andreas Theurer hat in der herben Berliner Atmosph\u00e4re und sicherlich auch durch Anregungen seiner Bildhauerkollegin Azade K\u00f6ker zu einer eigenen sensiblen Gestaltung gefunden, in der sich das Moment einer archaischen Zur\u00fcckhaltung mit einer wohltuenden Klarheit vereint. Man f\u00fchlt hier wirklich empfundene Reibungen am Sinn und Sein des Lebens, Begegnungen vor allem mit der menschlichen Existenz in ihrer Verflechtung mit ihrem Umraum und dessen Dimensionen. Es ist ein sehr intensives Nachsp\u00fcren, das sich in seinem Werk vollzieht. Das Ertasten des Leiblichen, das bis zu einem gewissen Grade aus seiner eigentlichen Mitte herausgenommen, in ein unaufhaltsames Wechselspiel der Kr\u00e4fte hineingestellt wurde und sich mehr und mehr in einem alles durchdringenden Rhythmus von Zeit zu behaupten hat, ist bei Andreas Theurer zur haupts\u00e4chlichen Gestaltungsintuition geworden. Er befindet sich auf dem Wege; seine in den letzten Jahren entstandenen Werk-Zeugnisse sind von einer nachhaltig ber\u00fchrenden Wirkungskraft. Verharrung und Bewegung vereinen sich in Figurationen, die Aufbruch und Ausklang gleicherma\u00dfen in sich tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Katalog \u201eTheurer\u201c, Bildhauergalerie Messer-Ladwig, Berlin, 1992<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Fritz Jacobi<\/strong><br>(* 23. April 1944 in Dresden)<br>ist Kunsthistoriker in Berlin, Kustos an der Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen zu Berlin a. D.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fritz Jacobi . 1992 K\u00f6rperfl\u00e4chen als Raumzeichen Zu neueren Skulpturen von Andreas Theurer Es ist interessant zu sehen, wie sich in den letzten Jahren der bildhauerische Ausdruck von Andreas Theurer gewandelt hat. Im Zuge dieses Wandlungsprozesses, den man fast als Einschnitt in seiner k\u00fcnstlerischen Entwicklung bezeichnen kann, ist wohl die prinzipielle Bindung an die menschliche [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-754","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/754","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=754"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/754\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":755,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/754\/revisions\/755"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=754"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}