{"id":750,"date":"2024-02-17T13:53:29","date_gmt":"2024-02-17T12:53:29","guid":{"rendered":"https:\/\/andreastheurer.web257.s153.goserver.host\/?page_id=750"},"modified":"2024-02-17T13:53:29","modified_gmt":"2024-02-17T12:53:29","slug":"text-pohly-and-kelly","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/text-pohly-and-kelly\/","title":{"rendered":"Text Pohly and Kelly"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Michael Pohly and John Robert Kelly . 2003<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Perspektiven \u2013 ein Workshop und zwei Ausstellungen an der Faculty of Fine Arts der Kabul University<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung von Andreas Theurer (Auszug)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHat dieses vom Krieg verw\u00fcstete Land nicht andere Dinge viel n\u00f6tiger als Kunst?\u201d, fragte der deutsche Bildhauer Andreas Theurer, als ich ihm vorschlug, eine Ausstellung seiner Werke und einen Workshop an der Fakult\u00e4t der Sch\u00f6nen K\u00fcnste in Kabul durchzuf\u00fchren. \u201cNein\u201d, erwiderte ich und schilderte die Begeisterung und das Leuchten in den Augen der Angeh\u00f6rigen der Fakult\u00e4t der Sch\u00f6nen K\u00fcnste, als ich ihnen mein Projekt vorgestellt hatte. Ein Dialog sollte begonnen werden, wie er in diesem vergessenen Teil der Welt \u00fcber Jahre nicht hatte stattfinden k\u00f6nnen: in einem Land, in dem seit Jahrzehnten Gesetz und Ordnung au\u00dfer Kraft gesetzt sind, in dem gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der Waffe in der Hand ausgetragen werden \u2013 in einem Land in dem es keinen Platz gibt f\u00fcr zivile oder kulturelle Interessen und das durch eine alles bestimmende \u201eIslamisierung\u201d dominiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese gewaltsame Veruntreuung einer ehemals stolzen, toleranten Religion \u2013 auch eines stolzen Landes \u2013 ist das traurige und be\u00e4ngstigende Erbe von jahrzehntelanger, m\u00f6rderischer Herrschaft der Mudjahidin, verk\u00fcndet durch den Djihad, wodurch diese ihre Anh\u00e4nger vereinigten und zu einem feurigen H\u00f6hepunkt anfachten um sich dem Einmarsch durch \u201egottlose\u201c Sowjets, wie sie von den afghanischen religi\u00f6sen Fanatikern bezeichnet wurden, entgegenzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um dem Petersberger Abkommen vom Dezember 2001 eine Chance zu geben, ist es notwendig, den zivilen Sektor in demselben Ma\u00df wie die humanit\u00e4re Hilfe und den Wiederaufbau zu st\u00e4rken. Die Ausstellung eines K\u00fcnstlers aus einem fernen Land wie Deutschland k\u00f6nnte die Entwicklung einer pluralistischen Gesellschaft unterst\u00fctzen. Der Wiederaufbau der Infrastruktur Afghanistans muss sich mit mehr als nur der Renovierung der \u00e4u\u00dferen H\u00fclle ihrer zerst\u00f6rten Geb\u00e4ude befassen, er muss auch die Institutionen selbst inhaltlich erneuern. Ziegel und M\u00f6rtel beschreiben nur das Umfeld \u2013 das Leben innerhalb dieser W\u00e4nde definiert das Potential einer zivilen Gesellschaft. Im Inneren der wiederer\u00f6ffneten R\u00e4ume der Kunstfakult\u00e4t schlummert die pulsierende Kraft eines lebendigen, dynamischen Austausches von Ideen und Bildern: dies ist das Ziel der Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Absicht der Werkschau und des Workshop mit dem Titel \u201cPerspektiven\u201d sollte der Beginn eines Dialogs mit afghanischen K\u00fcnstlern und der Bev\u00f6lkerung sein. Fremdartige Skulpturen und Bilder sollten zur Diskussion \u00fcber k\u00fcnstlerische Positionen veranlassen und die Auseinandersetzung mit kulturellen und individuellen Hintergr\u00fcnden und zuk\u00fcnftigen M\u00f6glichkeiten vorantreiben. Bewusst wurde ein K\u00fcnstler \u2013 Andreas Theurer \u2013 gew\u00e4hlt, dessen Werke weder plakativ noch fig\u00fcrlich sind, der aber erfahren ist im Umgang mit der Aufarbeitung historischer Momente. Sein Denkmal zu Ehren des Advokaten Wirth, der mit anderen 1832 eine Versammlung an der Burgruine Hambach einberief, zu der \u00fcber 30000 Menschen zusammenkamen und dort kr\u00e4ftig gegen die \u201eF\u00fcrstenknechtschaft und Reaktion\u201c gewettert hatten und in Vivats auf die \u201evereinigten Freistaaten Deutschlands\u201c und das \u201ekonf\u00f6derierte republikanische Europa\u201c ausbrachen, steht exemplarisch daf\u00fcr. Nicht nur die Art und Weise der Umsetzung, nein auch die Parallelen zu Afghanistan mit seinen \u201eWarlords\u201c, mangelnder Einheit und kaum vorhandenen B\u00fcrgerrechten, geben Raum f\u00fcr Assoziationen, die das \u201eHambacher Fest\u201c mit dem Petersberger Abkommen als ein Fanal f\u00fcr eine gerechtere Zukunft in eine Linie stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits am Tage der Vernissage sahen \u00fcber 500 Besucher die Ausstellung. Staunend und manchmal ehrf\u00fcrchtig, begegneten sie den mitgebrachten Exponaten, die auf den frisch gewei\u00dften G\u00e4ngen des Fakult\u00e4tsgeb\u00e4udes pr\u00e4sentierte wurden: etwa drei\u00dfig, teils monumentale Skulpturen aus Stein, Bronze und Holz, Kuben und geometrische Formen in verzerrter Perspektive, Figurationen, die vielleicht noch entfernt an die menschliche Gestalt erinnern. Ungl\u00e4ubig von dem Dargebotenen best\u00fcrmten vor allem die jungen Studenten den deutschen Bildhauer und seinen Assistenten und suchten das Gespr\u00e4ch mit ihnen. Oder war es Ratlosigkeit, weil nach dem langen Bilderverbot vielleicht doch eher eine Sehnsucht nach fig\u00fcrlicher Kunst vorherrschte? Die Herausforderung war enorm und erforderte viel Kraft und gegenseitige Toleranz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne Zweifel, Andreas Theurers formale Komplexit\u00e4t und seine rigorose Dekonstruktion von Form im eigentlichen Sinne stellte eine radikale Abkehr von jenen Erfahrungen einer eher narrativen Fig\u00fcrlichkeit seiner H\u00f6rerschaft dar. Seine Leichtigkeit und Vertrautheit im Umgang mit dem Material ist bei den kleineren Arbeiten differenziert, komprimiert und destilliert zur Essenz einer Idee, w\u00e4hrend seine Hand bei anderen Skulpturen episch abstrakt und doch metaphorisch ist, grob aus dem Leben selbst gerissen, aber provokativ konkret. Sein Werk schien die jungen Betrachter gleicherma\u00dfen zu verwirren und zu hypnotisieren. Dies war ihr erster fl\u00fcchtiger Blick auf etwas, das wohl als \u201edekadente\u201c westliche Kunst bezeichnet wurde, insbesondere im Vergleich zur Ausdrucksweise des \u201esozialistischen Realismus\u201c und einige schienen v\u00f6llig ihre Fassung verloren zu haben, indem sie nach einem neuen \u00e4sthetischen Vokabular zur Beschreibung dieser oft fremdartigen Erfahrungen suchten. Andreas Theurers Abkehr von Normen der konventionellen abstrakten Kunst wurde in seinen kleinformatigen Bronzeplastiken deutlich, die vertraute Ansichten antiker Tempel und Kultst\u00e4tten wachriefen, passend zu den Vorstellungen der afghanischen Kunststudenten von Moscheen mit Pilastern oder Bildern aus Kunstlehrb\u00fcchern der griechischen und r\u00f6mischen Architektur. Die Bewegung der kr\u00e4ftigen, afghanischen Sonne erf\u00fcllte die Galerie indem sie die Lichtb\u00fcndel akzentuierte, die jene kleinen Metallgebilde durchstr\u00f6mten, welche auf groben, wei\u00dfen Ziegels\u00e4ulen hoch aufgestellt waren um die Strahlen einzufangen und in sonderbaren Winkeln durch den Korridor zu streuen. Zweifellos m\u00fcssen jegliche Bedenken, die Andreas Theurer \u00fcber die Wirksamkeit oder einfach \u00fcber die schiere Unwahrscheinlichkeit einer Ausstellung seiner Arbeiten in dem entlegenen Kabul empfunden haben muss, in dem Moment zu einer Offenbarung dahingeschmolzen sein, als sich Kinder wie Erwachsene begierig und freudig seiner neuen Vision v\u00f6llig hingaben. Die Menge bewegte sich ungeduldig von einer Arbeit zur anderen in der Hoffnung, die sich wandelnden Lichtwellen aufzufangen, w\u00e4hrend sich ihre Augen auf seine winzigen, schwebenden Tempel konzentrierten, die in der Hitze der Fenster gl\u00fchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dferen Werke, monumental in Format und Form, waren an den Kreuzungen der Korridore aufgestellt und erschienen manchmal als stumme W\u00e4chter, die den Verkehr durch die Galerie lenkten. Man sp\u00fcrte ganz offensichtlich das reliquienhafte an diesen Gargantuas, so als ob die Gestalten grob geschnitzt und vom K\u00fcnstler rau belassen worden sind, um den Verschlei\u00df durch die Zeit oder das Altern durch zahllose Generationen von H\u00e4nden, die ein \u00fcberliefertes oder \u00f6ffentliches Totem ber\u00fchren, zu simulieren. Formlos kopflos, handlos, ausdruckslos \u2013 oder nur mit geringen Andeutungen davon \u2013 konnte man nicht umhin, sie im Kontext dieser Zeiten in Afghanistan, als Vorwurf und als Aide-memoire f\u00fcr die gefallenen Buddhastatuen zu sehen, an die Theurers Skulpturen erinnern k\u00f6nnten. Es waren diese geisterhaft verh\u00fcllten, uns verfolgenden Figuren die, besonders wenn sie in abgeschiedenen Fluren einzeln aufgestellt waren, die beeindruckendste Wirkung erzielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese H\u00fcter, oft in fensterlose G\u00e4nge gestellt, einige sp\u00e4rlich beleuchtet durch gr\u00fcnliches Licht alter Leuchtstofflampen, schienen urzeitliche Patrouillen der Unterwelt zu sein, Entkommene aus einem expressionistischen UFA-Stummfilm von F.W. Murnau oder Fritz Lang. Die Wahrnehmung dieser Figuren balanciert zwischen Fig\u00fcrlichem und Abstraktem und gestattet dem Betrachter, die semantische Komplexit\u00e4t der Skulpturen zu vervollst\u00e4ndigen. Bei allem Eklektizismus von Ausstellungsst\u00fccken, wie den zerkl\u00fcfteten, differenzierten Statuetten auf Sockeln in den hellen, engen Hallen und den eher traditionell gerahmten Drucken, geht der st\u00e4rkste Eindruck von diesen riesigen, bedrohlichen und doch einladenden Skulpturen in jenen langen Korridoren aus. Sie waren das sine qua non der ausgestellten Werke. Fest steht, diese selbstsichere Mannigfaltigkeit von Gr\u00f6\u00dfe, Form, Gegenstand, Ma\u00dfstab und Material zeigt die Tiefe von Andreas Theurers Talent und weist darauf hin, dass er sein Publikum herausfordern wollte. Dies war in jeder Hinsicht eine Schau von bemerkenswerter Gewichtigkeit und Autorit\u00e4t \u2013 und Passion.<\/p>\n\n\n\n<p>Auszug aus: Katalog \u201ePerspectives\u201c<br>Idee und Konzept: Michael Pohly<br>Herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung<br>Verfasser: John Robert Kelly, Michael Pohly<br>\u00dcbersetzung: John Robert Kelly, Jacob Jan Scholtz<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Dr. Michael Pohly<\/strong><br>(* 27.02.1956 in Burgsinn)<br>ist ein deutscher Arzt und Ethnologe, Islamforscher und Afghanistan-Experte von der Freien Universit\u00e4t Berlin. Er arbeitete unter anderem f\u00fcr die Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul und lebt heute in der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. John Robert Kell<\/strong><br>st ein amerikanischer Filmemacher. Er lehrt an der Boston University of Southern California, ist Mitglied der Vereinigung Afghanischer K\u00fcnstler und Leitender Wissenschaftler f\u00fcr Film am Zentrum f\u00fcr Internationalen Journalismus in Kabul.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Pohly and John Robert Kelly . 2003 Perspektiven \u2013 ein Workshop und zwei Ausstellungen an der Faculty of Fine Arts der Kabul University Die Ausstellung von Andreas Theurer (Auszug) \u201eHat dieses vom Krieg verw\u00fcstete Land nicht andere Dinge viel n\u00f6tiger als Kunst?\u201d, fragte der deutsche Bildhauer Andreas Theurer, als ich ihm vorschlug, eine Ausstellung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-750","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/750","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=750"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/750\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":751,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/750\/revisions\/751"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=750"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}