{"id":748,"date":"2024-02-17T13:52:30","date_gmt":"2024-02-17T12:52:30","guid":{"rendered":"https:\/\/andreastheurer.web257.s153.goserver.host\/?page_id=748"},"modified":"2024-02-17T13:52:30","modified_gmt":"2024-02-17T12:52:30","slug":"text-gomringer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/text-gomringer\/","title":{"rendered":"Text Gomringer"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Eugen Gomringer . 1998<\/h2>\n\n\n\n<p>Festrede zur Einweihung des Wirth-Denkmals in Hof am 26.07.1998<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Damen und Herren,<br>dass unsere Gesellschaft \u2013 Gesellschaft im weitesten Sinne verstanden \u2013 Schwierigkeiten hat mit Denk- und Mahnmalen, ist nicht erst durch die Auseinandersetzungen \u00fcber ein Holocaust-Denkmal in Berlin bewusst geworden. Es sind fast nur noch die Diktaturen, die hemmungslos Standbilder jeder Dimension sich leisten. F\u00fcr sie liegt die \u00c4sthetik fest. Nicht aber so bei uns, und einer der Schwierigkeiten der Demokratie wird es immer sein, sich festlegen zu k\u00f6nnen auf eine bestimmte bildnerische Aussage. \u00dcberdies haben wir ja von k\u00fcnstlerischer Seite schon lange keine verl\u00e4sslichen Stile mehr, sondern viele Kunstreflexionen und viele Argumente f\u00fcr alle Gegens\u00e4tze. Die Kunst genie\u00dft Freiheit wie nie zuvor, was unter anderem, wie ein ganz aktueller deutscher Philosoph bemerkt, dazu f\u00fchrt, dass sie gar nicht mehr die Konsensfrage stellen l\u00e4sst, sondern die Bestimmung dessen, was als Kunst z\u00e4hlt, immanent behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, was unser Denk- und Mahnmal betrifft, bestand der Wunsch von Seiten der Auftraggeber und Stifter, dass es nicht nur eben ein Denkmal f\u00fcr Dr. Wirth sein sollte, sondern zudem noch ein Kunstwerk. Dieser letzteren Forderung habe ich es wohl zu verdanken, meine Damen und Herren, dass mir die Ehre zuf\u00e4llt, das vorliegende Werk in seiner \u00e4sthetischen Funktion zu w\u00fcrdigen. Ich bin kein Historiker und mit Wirth verbindet mich au\u00dfer einem menschlichen Verst\u00e4ndnis gerade ein Aufenthalt vor sieben Jahren im Schweizer Kanton Thurgau am Bodensee, der meiner R\u00fcckkehr nach Deutschland, nach Oberfranken, allerdings besseren Vorschub leistete als ihm, Dr. Wirth.<br>Sein reichhaltiges, aber geplagtes Leben lag den Wettbewerbsteilnehmern in einer ausf\u00fchrlichen Beschreibung vor. Thematisch einschr\u00e4nkend war, dass Wirth f\u00fcr Freiheit und Humanit\u00e4t als ein Mann des Wortes und der Schrift, als unerm\u00fcdlicher Gr\u00fcnder und Verfasser von Publikationen, k\u00e4mpfte. Denn es hat sich in der Geschichte der Kunst immer wieder die Frage gestellt, wie man einem Schriftsteller mit einem Denkmal gerecht werden kann. Fr\u00fcher, als man sich nicht scheute, einen Menschen, vornehmlich einen Mann, in seiner gewohnten Kleidung vorzustellen, eventuell noch mit Hut, sicher aber mit einem Buch und der Schreibfeder, war eine solche L\u00f6sung weit verbreitet. Der eine oder andere n\u00e4hert sich in fremden St\u00e4dten einem solchen Denkmal und liest an dessen Sockel Namen und einige Werktitel ab. Damit ist das Denkmal eine Erinnerung an anno dazumal. Weniger lange ist es her, dass man dazu \u00fcberging, nur noch den markanten Kopf eines Dichters auf einen Sockel zu stellen um damit den geistigen Gehalt einer Figur hervorzuheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie offen man heute selbst an ein so einschr\u00e4nkendes Thema gehen kann, hat der Hofer Wettbewerb gezeigt. Mit den mehr als 60 Einsendungen wurde eine imposante Skala von Inter-pretationsm\u00f6glichkeiten, die wir heute zur Verf\u00fcgung haben, vorgestellt. Von der Realistik, wenigstens im Detail, \u00fcber Konzeptionelles bis zum Konstruktiv-Konkreten \u2013 ja sogar etwas Humoristisches war dabei \u2013 reichte die Auswahl und spiegelte die Freude an der Auseinandersetzung mit Mensch und Thema Wirth. Es musste bei der Wahl vor allem darum gehen, wie ein K\u00fcnstler den gegebenen Vorwurf definierte und wie er seine Idee zum sichtbaren Ereignis zu machen gedachte. Wie aber definiert man die Arbeit, das Wesen, den Geist von Dr. Wirth? Vork\u00e4mpfer f\u00fcr gesetzliche Freiheit und deutsche Nationalw\u00fcrde. ? Ja ! Freiheit dem Wort und der Demokratie? Ja \u2013 das sind Begriffe einer nicht-\u00e4sthetischen Funktion. Sie m\u00fcssen \u00fcbersetzt werden in Darstellbarkeit, in ein visuelles, ja eventuell haptisches Medium. Die Juroren, die einf\u00fchlend mitdenken und urteilen m\u00fcssen, hatten wie die K\u00fcnstler die Frage der Definition und der Imagination gleicherweise zu beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war ausschlaggebend f\u00fcr die Wahl des Entwurfs von Andreas Theurer. Denn es hei\u00dft in der Begr\u00fcndung seiner Wahl unter anderem: das Thema sei erkennbar. Ein ganz wichtiger Satz. Denn gerade daran scheitern oft hochkar\u00e4tige K\u00fcnstler und hervorragend \u00e4sthetische Werke. Ich darf kurz einf\u00fcgen, dass ich zum Beispiel an das Georg B\u00fcchner-Denkmal von Max Bill, mich erinnere, das jedermann f\u00fcr eine wunderbare Skulptur h\u00e4lt. Allein sie ist nicht nur f\u00fcr B\u00fcchner gut, sondern f\u00fcr jeden, der einen wei\u00dfen Marmorkubus als geistige Aussage umgeben von einer dunklen amorphen Gesteinsmasse verdient.<br>Es sind deren Viele. Oder das herrliche begehbare Denkmal des Wettbewerbs f\u00fcr den unbekannten politischen Gefangenen, des gr\u00f6\u00dften internationalen Wettbewerbs der ersten Nachkriegsjahre. Wer damals, man muss es eingestehen, ein bisschen Stacheldraht und Gef\u00e4ngnis ant\u00f6nte, war besser als wer die Ausweglosigkeit des Menschen platonisch-konstruktiv verallgemeinerte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Hof haben wir nun eine denkbar gute L\u00f6sung. Ich nannte sie im stillen Br\u00fcten genial. Der K\u00fcnstler Andreas Theurer hat den Bezug zu Wirth \u00fcberzeugend definiert. Ja, er hat alles, was wir uns unter Wirth vorstellen auf den einen Punkt gebracht , den wir in der Gr\u00fcndung und zum Wiederaufflackern im Todesjahr in der \u201eDeutschen Trib\u00fcne\u201c erkennen. Auch f\u00fcr den Nichthistoriker ist das Auftreten dieses Begriffs \u201eDeutsche Trib\u00fcne\u201c ungemein vordringlich und markant. Darauf kann man sich einigen.<br>Wie aber sollte diese Zeitschrift realistische Formen annehmen, ohne Imitation und historisches Requisit zu werden, ein anno dazumal? Eine weitere Filtration f\u00fchrte zur Schrift, zum Schriftsatz als Bindeglied zum Schriftsteller Wirth. Wie aber pr\u00e4sentiert man Schrift, S\u00e4tze, W\u00f6rter in der \u00d6ffentlichkeit? Hinzu kam der Ort, der kleine Platz. Das ist g\u00fcnstig f\u00fcr die Demokratie, besser als das halbheimliche Versteck in einem Park, besser als die Feierlichkeit auf einem H\u00fcgel. Denn immer wo \u00f6ffentliche R\u00e4ume Menschen einweisen, findet man am Schluss einen Platz. Der Platz konzentriert, mag seine Umgebung noch so disparat sein. So kommt alles zusammen: die Trib\u00fcne in Form einer Trib\u00fcne passt auf einen Platz, der auf den Schriftsatz konzentriert und das begehbare Material, den Pflasterstein liefert. Doch die schwierigste Frage ist wohl die Erinnerung an das Wort und seine Gestaltung. Bedenkenswert ist, dass es auch in seiner symbolischen Form nicht mit F\u00fc\u00dfen getreten werden soll. Ein lesbarer Text w\u00fcrde auf die Jahre vor und um 1848 verweisen, also zu Geschichte werden. Theurer will etwas anderes \u201er\u00fcberbringen\u201c. Er l\u00e4sst nur den Titel \u201eDeutsche Trib\u00fcne\u201c stehen, aber so, dass auch er der Geschichte entzogen scheint. Es fehlt das \u201eD\u201c von Deutsch. Es ist eben ein Blatt der Immerzeit. Damit das alles ganz stimmt und kein realistischer Auszug aus der Trib\u00fcne unter die F\u00fc\u00dfe kommt, ist das gro\u00dfe Blatt wie von einer Welle bewegt und die Schrift auf der Welle ist Schrift der Immerzeit; es sind nur Bildpunkte. Bewegte Schrift, bewegte Schreibe ist ein sch\u00f6nes Denkmal und, wie ich meine, sehr in der N\u00e4he von Wirths Leben und bewegenden K\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann Kunst, wenn sie ihren Auftrag und sich selbst genau definiert, die Geste in der Gesellschaft wagen. Es wird dieses Blatt zu einer, wie Theurer das treffend formuliert, schwebenden Kraft und dank seiner klugen Gestaltung zu einer Erhebung von Unten. N\u00e4heres wird in nobler Weise und erleuchtet von einer Lampe, die zum Platz geh\u00f6rt, nebenan erz\u00e4hlt. Die \u00e4sthetische Funktion ist erf\u00fcllt \u2013 zu hoffen ist jetzt, dass nicht stattfindet, was der Eingangs erw\u00e4hnte Philosoph vorbrachte, dass was zur Kunst z\u00e4hle, eine kunstimmanente Frage sei \u2013 nein, die Bev\u00f6lkerung sollte jetzt Besitz ergreifen von Wirth, von der Trib\u00fcne und die mitteilende Funktion, welche die Funktion der \u201eDeutschen Trib\u00fcne\u201c war, die Oberhand \u00fcber die \u00e4sthetische Funktion gewinnen lassen. Was in Hof geschehen ist, die Art und Weise wie Geschichte sich mit Gewinn f\u00fcr die Kunst und die \u00d6ffentlichkeit thematisieren l\u00e4sst, darf Vorbildcharakter beanspruchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Eugen Gomringer<\/strong><br>(* 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza, Bolivien)<br>gilt als Vater der Konkreten Poesie, arbeitete als Sekret\u00e4r von Max Bill an der HfG Ulm, war Leiter des Schweizerischen Werkbundes und lehrte Theorie der \u00c4sthetik an der Kunstakademie D\u00fcsseldorf.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eugen Gomringer . 1998 Festrede zur Einweihung des Wirth-Denkmals in Hof am 26.07.1998 Meine Damen und Herren,dass unsere Gesellschaft \u2013 Gesellschaft im weitesten Sinne verstanden \u2013 Schwierigkeiten hat mit Denk- und Mahnmalen, ist nicht erst durch die Auseinandersetzungen \u00fcber ein Holocaust-Denkmal in Berlin bewusst geworden. 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