{"id":742,"date":"2024-02-17T13:50:32","date_gmt":"2024-02-17T12:50:32","guid":{"rendered":"https:\/\/andreastheurer.web257.s153.goserver.host\/?page_id=742"},"modified":"2024-02-17T13:50:32","modified_gmt":"2024-02-17T12:50:32","slug":"text-boberg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/text-boberg\/","title":{"rendered":"Text Boberg"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Jochen Boberg . 2012<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zerbrechliches Kontinuum \u2013 Das Spiel mit Raum und Zeit<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eEs schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte.<br><br>\u2026 als ob die Menschen alle auf lebendigen, unaufh\u00f6rlich wachsenden, manchmal mehr als kirchturmhohen Stelzen hockten, die schlie\u00dflich das Gehen f\u00fcr sie beschwerlich und gefahrvoll machten, bis sie pl\u00f6tzlich von ihnen herunterfielen.<br><br>(Ich w\u00fcrde) \u2026 die Menschen (und wenn sie daraufhin auch wahren Monstern glichen) als Wesen beschreiben, die neben dem so beschr\u00e4nkten Anteil an Raum, der f\u00fcr sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermesslich ausgedehnten Platz einnehmen in der ZEIT.\u201c<br><br>(Marcel Proust, Die wiedergefundene Zeit, letzter Absatz)<br><br>Alle Kunst \u2013 von Anfang an und unabh\u00e4ngig von Benennungen \u2013 ist Setzung\u00a0 im gelebten Raum, in durchlebter Zeit. Und wir haben es mit gro\u00dfer \u2013 lieber w\u00fcrde ich sagen \u201ewahrer\u201c \u2013 Kunst zu tun, wenn uns das von Proust so eigent\u00fcmlich beschriebene Verh\u00e4ltnis existenzbedingender Dimensionen durch sie ins Bewusstsein geriete, auf den Leib r\u00fcckte und damit im urspr\u00fcnglichen Sinn zum \u201eBild\u201c w\u00fcrde.<br><br>Einige Namen, die Theurer seinen Objekten gibt: \u201eRaum-Zeit\u201c, \u201eRelativer Raum\u201c, \u201ePlatons W\u00fcrfel\u201c \u2013 also das Objekt, das doch nur sein eigener Schatten ist, \u201eLabyrinth\u201c \u2013 unentrinnbar, \u201eGro\u00dfe Illusion\u201c \u2013 der gekippte Menhir, der Raumbrocken mit dem noch schwerer belasteten Sisyphos, \u201e Zeitfaltungen I \u2013 III\u201c \u2013 mit Sprache (Wissen) versetzte R\u00e4ume, die in die Zeit kippen, die geklappten \u201eFreir\u00e4ume\u201c, d\u00fcnnwandig und zeitdurchl\u00e4ssig, fr\u00fcher schon das \u201eRaumparadox\u201c, nicht zwei Seiten einer M\u00fcnze, sondern die Janusk\u00f6pfigkeit der Erfahrung, und dann das \u201eRequiem\u201c, der Mensch, der aus der Zeit geht, im Raum den Schatten hinterl\u00e4sst, den der noch vorhandene K\u00f6rper wirft.<br><br>Das sind nicht geistvolle Titel. Das ist die Wahrheit, also die Kunst des Andreas Theurer, wie ich meine: von Anfang an. Die fr\u00fchen Figuren nehmen mit aller Macht den Raum ein, der ihnen gegeben ist; dann die Figuren, die mit schwerer Last sie selbst sein m\u00fcssen: jeweils Portraits der inneren Befindlichkeit des Menschen. Selbst da, wo dann die menschliche Figur scheinbar fehlt, tritt an ihre Stelle die Sprache \u2013 wie beim Denkmal, oder der behauste Ort, an dem die Skulptur ihren Platz findet.<br><br>Nat\u00fcrlich wandelt sich bei Andreas Theurer mit der gelebten Zeit der Blick auf die Welt, \u00e4ndern sich auch die Materialien, mit denen er das ausdr\u00fcckt. Heute kennen wir\u00a0 das Innerste und \u00c4u\u00dferste der Welt, die Relativit\u00e4t von Raum und Zeit, die N-Dimensionalit\u00e4t des Alls, die Strings, die Wurm- und schwarzen L\u00f6cher im All. Da w\u00e4re es absonderlich, wenn ein in der Zeit lebender K\u00fcnstler das nicht wahrn\u00e4hme. Man kann es (wie ich finde: absch\u00e4tzig) Entwicklung nennen. Ich sehe darin mehr das starke, bewusste k\u00fcnstlerische Individuum, dem es ein Anliegen ist, uns auf dem Weg mitzunehmen. Das ist ein Privileg der Kunst, des K\u00fcnstlers.<br><br>Und noch etwas: Andreas Theurer arbeitet mit unterschiedlichen Materialien und in unterschiedlichsten Dimensionen: Stein, Holz, Metall, sogar mit Draht und Pappen. Seine Werke: manchmal winzig klein und dann wieder geradezu monumental. Ein Zeichen von Beliebigkeit? Nein, definitiv nein, denn neben aller inhaltlichen Kraft versteht er sein Handwerk. Er wei\u00df um die den Materialien innewohnende Kraft, die \u201eMateriallatenz, eine unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr gute Kunst. Das Zerbrechliche sagt Zerbrechliches, das Schwere Schweres, das Labile Labiles. Die Kunst, zumal die bildende, m\u00fcsse immer wieder durch das Material hindurch; erst dann k\u00f6nne sie wirken, wirklich sein, zutreffen. Das wei\u00df Andreas Theurer und handelt damit meisterlich. Hier ist \u2013 weil so oft vergessen \u2013 Anlass, \u00fcber Qualit\u00e4t zu sprechen, die das Kunsturteil bestimmen sollte. Nicht die Mode, nicht der Markt, nicht das Geschm\u00e4cklerische entscheiden am Ende \u00fcber den Wert der Kunst, sondern das gut gemachte und Bedeutung tragende Werk. Genau an diesem Ort ist Andreas Theurer.<br><br>Wie als Beweis daf\u00fcr taucht dann im Werk die Skulptur \u201eGoldstaub\u201c auf (Seite 54-55). Eine monumentale Figur, wie aus der Zeit genommen, den Raum beherrschend und vom Gold erleuchtet. Im Gegen\u00fcber mit diesem Bild bedarf es keiner divinatorischen Interpretation. Man muss sich auf den Dialog einlassen und wird eine eigene Welt erfahren.<br><br>Katalog \u201eFremder Horizont \u2013 Andreas Theurer\u201c, Damm und Lindlar-Verlag, Berlin 2012<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Jochen Boberg<\/strong><br>(* 20.06.41 in Wesel am Niederrhein)<br>ist Kunsthistoriker und Museumsdirektor, war zuletzt Direktor der Museumsdienste Berlin und verfasste zahlreiche Publikationen zur Kunst- und Kulturgeschichte.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jochen Boberg . 2012 Zerbrechliches Kontinuum \u2013 Das Spiel mit Raum und Zeit \u201eEs schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte. \u2026 als ob die Menschen alle auf lebendigen, unaufh\u00f6rlich wachsenden, manchmal mehr als kirchturmhohen Stelzen hockten, die schlie\u00dflich das Gehen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-742","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/742","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=742"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/742\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":743,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/742\/revisions\/743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=742"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}