{"id":740,"date":"2024-02-17T13:49:16","date_gmt":"2024-02-17T12:49:16","guid":{"rendered":"https:\/\/andreastheurer.web257.s153.goserver.host\/?page_id=740"},"modified":"2024-02-17T13:49:16","modified_gmt":"2024-02-17T12:49:16","slug":"text-jacobi1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/text-jacobi1\/","title":{"rendered":"Text Jacobi1"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Fritz Jacobi . 2012<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">K\u00f6rper zwischen Statuarik und Anschauung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Schaffen von Andreas Theurer seit Anfang der 1990er Jahre<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahre 2001 begann Andreas Theurer mit der Gestaltung einer Werkreihe von \u00fcberlebensgro\u00dfen Holzfigurationen, die zu den Hauptwerken seines Schaffens in der j\u00fcngeren Vergangenheit geh\u00f6ren. Stelenartig aufragende menschliche K\u00f6rper vermitteln in Arbeiten wie \u201eCassandra\u201c, 2001\/2003, \u201eGeflecht\u201c, 2001\/2003, \u201eVerflochten\u201c, 2001\/2004, \u201eRequiem\u201c, 2001\/2004, \u201eThanatos\u201c, 2003\/2004, oder der B\u00fcndelung mehrerer Gestalten in \u201eEntwurzelt\u201c, 2004, eine starke, blockartig verdichtete skulpturale Kraft. Obwohl sie von einer beinahe expressiven Formensprache gepr\u00e4gt erscheinen, erinnern sie doch eher an elementare Gef\u00e4\u00dfformationen, die \u2013 sorgsam ineinander gefugt \u2013 die Wirkung tektonisierter K\u00f6rpergebilde annehmen. In diesen aus Kiefernholz gearbeiteten Figurationen, die zus\u00e4tzlich noch mit meist dunkler Beize und Farbe behandelt wurden, dominiert ein straff verspanntes Rhythmusprinzip. Nicht nur die zur Eigenst\u00e4ndigkeit neigenden kubischen Teilpartien, sondern auch das Konturen betonende Netzwerk geometrisierender Lineamente gliedern die Skulpturen in fl\u00e4chige Segmente, lassen zugleich aber den Eindruck entstehen, als ob hier gratige Felsmassive aus dem Boden erwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Menschenzeichen muten an wie verschattete Wesen, deren lebendiger Entfaltungsdrang in einer gleichsam erstarrten Ummantelung fest eingebunden wird. Die Gestaltgef\u00fcge von Andreas Theurer stehen in dem grundlegenden Konflikt zwischen organischer K\u00f6rperbildung und abstrahierter Formenwelt. Das erkennbar Leibhafte erf\u00e4hrt durch die freien Strukturen wie schr\u00e4ge Linienverl\u00e4ufe, verkantete Vorspr\u00fcnge oder scharfe Durchbr\u00fcche eine sp\u00fcrbare Verfremdung, die deutlich auf eine ganz bestimmte gestalterische Intention verweist: die Synthese von plastischen und bildnerischen Wirkungsformen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch kann das Au\u00dfen wie das Innere zeichnen!\u201c, bekannte Andreas Theurer j\u00fcngst bei einem Atelierbesuch und formulierte damit etwas zugespitzt ein Credo, das ihn nunmehr seit \u00fcber zwei Jahrzehnten mehr und mehr besch\u00e4ftigt hat. Schon um 1991\/1992 tendierten seine Skulpturen zu einer zunehmend fl\u00e4chenhaften Au\u00dfenwandung in streng gefassten Kuben oder sie verwandelten sich mitunter sogar in breit gezogene K\u00f6rper-Bilder, die mit einer deutlichen Schm\u00e4lerung des realen Volumens einhergingen und stattdessen den optischen Eindruck von r\u00e4umlicher Tiefe suggerierten. Schon damals zeichnete sich eine Entwicklung ab, welche in der Folgezeit eine immer st\u00e4rkere Bedeutung erlangen sollte: Im Verh\u00e4ltnis von K\u00f6rper und Raum suchte Theurer eine Gestaltungsform, in der das Plastische einerseits als reale Gegebenheit mit all ihren k\u00f6rperlich-haptischen Eigenschaften zum Tragen kommt, andererseits aber auch als visuelle Erscheinungsform des Dreidimensionalen wahrgenommen wird. Die nach au\u00dfen dr\u00e4ngende Kraft des Skulpturalen sollte sich mit der Intensit\u00e4t des Augen-Blickes verbinden \u2013 sehr entfernt mit der Reliefgestaltung verwandt, doch letztlich auf eine ganz eigene Auspr\u00e4gung plastischer Auffassung gerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht dem Bildhauer und Objektk\u00fcnstler Andreas Theurer im \u00fcbertragenen Sinne um eine \u201eEntschwerung\u201c der Skulptur und gleichzeitig um den Hinzugewinn einer offeneren Betrachtungsart, gleichsam um eine neue Mehrschichtigkeit plastischen Begreifens. Es ist ihm in vielen seiner Werke gelungen, diese Ambivalenz des Realen in k\u00fcnstlerischer Form aufzubereiten, indem seine Skulpturen gewisserma\u00dfen aus ihrer Verankerung gel\u00f6st und in \u00fcbergreifende Zusammenh\u00e4nge gestellt werden. Die Gewichtigkeit des K\u00f6rperlichen und die Lesbarkeit der Fl\u00e4che, reale Raumverdr\u00e4ngung und illusionistisches Bild sowie figurale Anmutung und zeichenhafte Verknappung verschwistern sich in seinen Arbeiten zu einer Anschauungsform, welche das plastische Gegen\u00fcber anders reflektieren l\u00e4sst. Aus der Vielzahl seiner oft auch experimentell angelegten Arbeiten seien hier nur drei Werkgruppen, die \u00fcber Jahre hinweg zu immer wieder modifizierten Fassungen einer Grundidee gef\u00fchrt haben, herausgegriffen und etwas n\u00e4her behandelt. Schon seit 1991 begann f\u00fcr Andreas Theurer die schr\u00e4ge Form in verkanteten W\u00fcrfelformationen eine wirklich pr\u00e4gende Rolle zu spielen. Am Anfang entstand die \u201eKleine Illusion\u201c, 1991, der die \u201eGro\u00dfe Illusion\u201c, 1992, \u201eZeit-Raum II\u201c, 1993\/2000, \u201ePlatons W\u00fcrfel\u201c, 1995, die Reihe kleiner Torgebilde wie \u201ePotemkinsches Haus\u201c, \u201eF\u00fcr Paul Virilio\u201c oder \u201eFremder Horizont\u201c und \u201eLabyrinth\u201c, 2000, folgten. Auch die Reihen der \u201eRuine\u201c-Tafeln, 2002\/2004, und der \u201eZeit-Faltungen\u201c, 2009\/2011, geh\u00f6ren in diesen Werkverbund, denn in all diesen \u00fcber die Fl\u00e4che ausgebreiteten K\u00f6rperzeichen sto\u00dfen richtige perspektivische Ansichten mit einer fehlenden plastischen Entsprechung oder einem unvermittelten horizontalen Beschnitt direkt aufeinander. Irritiert versucht der Betrachter, der von der spannungsvollen Klarheit der Formbildung angezogen wird, die jeweilige Anschauung zu vollenden, muss sich letztlich aber darauf einstellen, den beiden Wahrnehmungsformen ihre Geltung zu belassen. Man denkt unwillk\u00fcrlich an optische T\u00e4uschungen und wird sich der Relativit\u00e4t des Sehens bewusst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen anderen Weg der \u00dcberschneidung unterschiedlicher Wahrnehmungen w\u00e4hlt Theurer, wenn er die M\u00f6glichkeiten flacher Metallplatten im Hinblick auf ihre r\u00e4umlichen Entfaltungen auslotet. 2007 ergab sich f\u00fcr ihn im Rahmen eines Auftrages f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Raum die Gelegenheit, mit gro\u00dfen Stahlblechen zu arbeiten. Das \u201eOffene Haus\u201c, das in der N\u00e4he des Berliner Nollendorfplatzes Aufstellung fand, vereint die Darstellung einer Figur, die zur H\u00e4lfte als positive Umrissfl\u00e4che, zur anderen H\u00e4lfte als ausgeschnittene Negativfl\u00e4che gestaltet wurde, mit der dachartig abgeschlossenen Form eines Geh\u00e4uses, das ebenfalls mit einem T\u00fcr \u00e4hnlichen Ausschnitt versehen ist. In weiteren verwandten Arbeiten wie \u201eGrenzland\u201c, \u201eAnnexion\u201c, beide 2008, und \u201eChronos\u201c, 2010, variiert Theurer diese ineinandergreifende Dualit\u00e4t von Figur- und Wandfl\u00e4che, w\u00e4hrend er in \u201eSchwerelos\u201c und \u201eFreiraum\u201c, beide 2008, den Ausklappungsm\u00f6glichkeiten der reinen Geometrie des Quadrats in die r\u00e4umliche Gestalt hinein nachsp\u00fcrt. Die wechselseitige Beziehung von fester und offenen Form besch\u00e4ftigt hier das betrachtende Auge, animiert zum gleichzeitigen Sich-Gegen\u00fcberstellen und l\u00e4sst diesen permanenten Schwebezustand zwischen dem Durchg\u00e4ngigen und dem Unzug\u00e4nglichen f\u00fchlbar werden, der uns eigentlich t\u00e4glich in mannigfaltiger Art und Weise begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie eine Vorbereitung auf diese Werkgruppe kann das 2003 in Holz gearbeitete, lebensgro\u00dfe \u201eHimmelstor\u201c gelten, das innerhalb einer vertikal errichteten Wand den Ausschnitt einer menschlichen Figur \u2013 zum K\u00f6rperzeichen verknappt \u2013 vergegenw\u00e4rtigt und einer plastisch ausgeformten liegenden Figur gegen\u00fcberstellt. Dieser Bezug von aktivem Erscheinungsbild und passivem Realk\u00f6rper l\u00e4sst eine sehr intensive Metaphorik von Sein und Nicht-Sein entstehen, ohne wirklich nach der einen oder anderen Seite hin aufgel\u00f6st werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Durchdringung von Figur und Gegenstand spielt im Schaffen von Andreas Theurer immer wieder eine wesentliche Rolle, aber auch die pure Objektgestaltung pendelt sich h\u00e4ufig auf die Existenzproblematik des organischen K\u00f6rpers ein. Arbeiten wie \u201eThron\u201c, 2000\/2004, \u201eLabil\u201c, 2005, \u201eSchritt f\u00fcr Schritt\u201c, 2007, oder die unregelm\u00e4\u00dfig geformten Wandelemente \u201eRaum befl\u00fcgelt\u201c, \u201eRaumparadox\u201c, beide 2009, und \u201eArche\u201c, 2009\/2011, veranschaulichen eine merkw\u00fcrdige Instabilit\u00e4t, die sich als unw\u00e4gbare, doch gleicherma\u00dfen rustikale Spurenzeichen zwischen Werden und Vergehen erweist und damit impulsartig die wechselnden Positionen eines bewegten Seins symbolisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst sein gro\u00dfes, Wellen artig ausgespanntes \u201eDenkmal f\u00fcr Johann Georg August Wirth\u201c in Hof, 1998 in einer ersten und 2012 in einer leicht ver\u00e4nderten Fassung eingeweiht, tr\u00e4gt Z\u00fcge einer solch immerw\u00e4hrenden Ver\u00e4nderung, welche uns in der Natur, in der Gesellschaft oder auch im eigenen Sein stets begleitet. Diese begehbare Bodenskulptur sucht die Erdn\u00e4he und w\u00f6lbt sich doch in den Raum hinein, avanciert zum Objekt der Anschauung und l\u00e4sst sich zugleich in einen Ort von Handlung verwandeln \u2013 ein Spannungsverh\u00e4ltnis mithin, das den Werken von Andreas Theurer zumeist in \u00e4u\u00dferst anregender Form innewohnt. Cetin G\u00fczelhan hat diese Intentionen des K\u00fcnstlers einmal in sehr treffenden Worten so zusammengefasst: \u201eDie Dialektik in Theurers Arbeit ist offensichtlich. Bei aller formalen Strenge, Festigkeit und Statuarik f\u00fchren uns seine Skulpturen die Schieflage der Welt vor Augen. Denn wenn die Sicht der Dinge den eigenen Horizont \u00fcberwindet und verschiedene Perspektiven gleichzeitig gelten, dann schwankt die Welt, dann st\u00fcrzen die Linien, dann sp\u00fcren wir die Labilit\u00e4t unseres Daseins \u2013 und sehen die Welt mit Theurers Augen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Katalog \u201eFremder Horizont \u2013 Andreas Theurer\u201c, Damm und Lindlar-Verlag, Berlin 2012<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Dr. Fritz Jacobi<\/strong><br>(* 23. April 1944 in Dresden)<br>ist Kunsthistoriker in Berlin, Kustos an der Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen zu Berlin a. D.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fritz Jacobi . 2012 K\u00f6rper zwischen Statuarik und Anschauung Zum Schaffen von Andreas Theurer seit Anfang der 1990er Jahre Im Jahre 2001 begann Andreas Theurer mit der Gestaltung einer Werkreihe von \u00fcberlebensgro\u00dfen Holzfigurationen, die zu den Hauptwerken seines Schaffens in der j\u00fcngeren Vergangenheit geh\u00f6ren. 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