{"id":736,"date":"2024-02-17T13:47:47","date_gmt":"2024-02-17T12:47:47","guid":{"rendered":"https:\/\/andreastheurer.web257.s153.goserver.host\/?page_id=736"},"modified":"2024-02-17T13:47:47","modified_gmt":"2024-02-17T12:47:47","slug":"text-moeckel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/text-moeckel\/","title":{"rendered":"Text M\u00f6ckel"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Birgit M\u00f6ckel . 2015<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nicht von Pappe.<\/h3>\n\n\n\n<p>Zur Sprache des Materials in einer aktuellen Werkreihe von Andreas Theurer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, sie sind aus Pappe, diese neuen Skulpturen von Andreas Theurer. Konsequent aus diesem Material gedacht und entwickelt, zeigen sie die origin\u00e4re Handschrift eines Bildhauers, der mit bewusst gew\u00e4hlter Stofflichkeit, Oberfl\u00e4chenreizen und Farbnuancen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Wirkung der Formen im Raum erreicht und nicht zuletzt gerade durch das Material weitreichende inhaltliche Konnotationen weckt. Sie t\u00e4uschen nicht, diese hochaufragenden geschlossenen K\u00f6rperformen. Sie spielen vielmehr mit Licht und Schatten, mit der Illusion von Fl\u00e4che und Raum und so dichten wie transparenten Strukturen. In der fragmentierten Au\u00dfenhaut offenbart sich eine gleichsam arch\u00e4ologische Topographie oder Seelenlandschaft \u2013 als umfassende Projektionsfl\u00e4che einer weithin sichtbaren und sp\u00fcrbaren br\u00fcchigen Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bildhauer Andreas Theurer wei\u00df um die spezifische und durchaus auch kulturell gepr\u00e4gte (Aussage)kraft von Material, sei es Holz, Stein, Bronze oder \u2013 wie hier \u2013 schlichte Pappe, Sand und Farbe. Mit dem aufgrund seiner mehrschichtigen Struktur \u00e4u\u00dferst stabilen Werkstoff entwickelt er irritierende K\u00f6rper und R\u00e4ume, deren perspektivische Wechsel und Ansichten immer neu unsere eingefahrenen codierten Sehweisen ins Wanken bringen. Pr\u00e4zise aufgef\u00e4chert, mit harten, teils holzschnittartigen Kanten und Konturen, \u00f6ffnen und schlie\u00dfen sich diese komplex strukturierten, ganz in sich ruhenden Statuen und architektonischen K\u00f6rper, um \u2013 peu \u00e0 peu im Umschreiten \u2013 mit unerwarteten Perspektiven und neuen Deutungsm\u00f6glichkeiten zu \u00fcberraschen. Passagen aus kontrastierenden malerischen, graphischen, hellen und dunklen Partien folgen einem eigenen Rhythmus und inneren Reiz, der zwischen den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten von Material und Form und so assoziativen wie naturnahen Prozessen oszilliert. Im flie\u00dfenden Miteinander der einzelnen Fl\u00e4chen entsteht die Lebendigkeit eines facettenreichen Materials, das jedes Teilst\u00fcck eines umfassenden Ganzen spannungsreich einbindet, H\u00fclle und Kern umf\u00e4ngt und aus der N\u00e4he Ferne zu evozieren wei\u00df \u2013 oder vice versa.<\/p>\n\n\n\n<p>Was verbirgt sich hinter der Fassade dieser Archetypen, die sich mit einer d\u00fcnn lasierten rostrauen Tarnung wappnen, die in der Nahsicht umso deutlicher die Verletzbarkeit der Au\u00dfenhaut preisgibt. Ob Mimikry oder Camouflage \u2013 die Schutzmechanismen der Natur und des Menschen funktionieren bestens aus der Distanz, um im direkten Gegen\u00fcber eine b\u00fchnenhafte Illusion zu offenbaren, die eigenen Wirkmechanismen folgt. Ob aus der Evolution geboren oder zu milit\u00e4rischen Zwecken genutzt, jedwede variantenreiche Tarnung hilft zu \u00fcberleben und t\u00e4uscht den Feind oder den arglosen Betrachter, der sich den Figuren und Raumskulpturen des Bildhauers n\u00e4hert. Wie Zeugen fremder Kulturen erz\u00e4hlt ihre (Zur\u00fcck)-Haltung und reduzierte klare Form von einer fernen Zivilisation, w\u00e4hrend das Material in seiner Einfachheit und allt\u00e4glichen dinglichen Pr\u00e4senz sie ganz in der Gegenwart verankert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dialog von sichtbarer Dekonstruktion der Oberfl\u00e4che und warm schimmernden gleichsam festigenden Lasuren und dem damit verbundenen Licht- und Schattenspiel r\u00fcckt die Idee eines Materials vor Augen, das auf Dauer angelegt ist. Doch was bedeutet jener Gedanke an Ewigkeit angesichts einer Welt mit immer neuen Krisenherden, zerst\u00f6rerischen Kriegen, dem nicht endenden Verlust von Menschenleben und kulturellem Ged\u00e4chtnis? Was zeigen menschenleere Architekturfragmente, die Andreas Theurer m\u00f6glichst flach an die Wand schmiegen l\u00e4sst, um von dort eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche illusion\u00e4re Raumwirkung und Sogkraft zu entfalten \u2013 insbesondere im Dialog mit seinen gleichsam aus der Zeit heraus gel\u00f6sten und doch auf das engste mit der Gegenwart verbundenen Figuren?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit leichter Hand haben sich diese Protagonisten aus dem Schatten ihrer massiven Pendants gel\u00f6st und ihren Platz im Oeuvre erobert. Gleichsam herausgesch\u00e4lt aus dem innersten Kern einer zutiefst humanistisch gepr\u00e4gten k\u00fcnstlerischen Idee bilden sie jetzt eine neue Werkgruppe, die eigene Schatten wirft: zuweilen ganz real aus schwarzem Sand. Was ist Wirklichkeit? Was ist Vorstellungskraft? Neben dem Material Stein und dem hell und dunkel gefassten Holz seines bisherigen Oeuvres, ist es vielleicht gerade die Synthese aus Anpassungsf\u00e4higkeit und mit leichter Hand zu transformierenden Werkstoffes Pappe, die sich Andreas Theurer zu eigen macht, um \u00fcber die tradierte geometrische Perspektive und Modellhaftigkeit hinaus weitere authentische Wahrnehmungsr\u00e4ume zu schaffen, die vom Innersten des Menschen und einer umfassenden Seelenlandschaft erz\u00e4hlen \u2013 als zeitliche Spur und br\u00fcchige Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Birgit M\u00f6ckel<\/strong><br>(* 1958 in Bruchsal)<br>ist Kunsthistorikerin in Berlin. Sie ist als Autorin, Kuratorin und Lehrbeauftragte t\u00e4tig sowie Vorsitzende des Kunstverein KunstHaus Potsdam e.V.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Birgit M\u00f6ckel . 2015 Nicht von Pappe. Zur Sprache des Materials in einer aktuellen Werkreihe von Andreas Theurer. 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