{"id":734,"date":"2024-02-17T13:46:44","date_gmt":"2024-02-17T12:46:44","guid":{"rendered":"https:\/\/andreastheurer.web257.s153.goserver.host\/?page_id=734"},"modified":"2024-02-17T13:46:44","modified_gmt":"2024-02-17T12:46:44","slug":"text-bauerle-willert","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/text-bauerle-willert\/","title":{"rendered":"Text Bauerle-Willert"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Dorothee Bauerle-Willert . 2016<\/h2>\n\n\n\n<p>zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eMarion Eichmann, Karsten Kusch, Andreas Theurer\u201c im Gehag Forum der Deutsche Wohnen AG am 22.06.2016 (Auszug)<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br>ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich im Gehag Forum\/Deutsche Wohnen \u2013 und wohnen ist ja ein komplexer Begriff. Mit Peter Sloterdijk erinnern gerade die K\u00fcnstler als Tiefenbewohner der Welt an die Frage, wie das Welthaus \u00fcberhaupt zu bewohnen sei. Es sind die ,Anderswohnenden\u2018 und ihr sein in der Welt bedeutet immer auch Mitarbeit an den mannigfachen Formen der Welt, am Fundus der Kultur. Kunstwerke erschlie\u00dfen den Raum, gestalten ihn zum Ort, konstituieren ihn in dem steten Wechselspiel von Ausr\u00e4umen und Einr\u00e4umen, von Zulassen und Einlassen \u2013 und gerade in der Plastik, der Skulptur ist das, \u201ewas zuerst und vor allem Einzelnen wahrgenommen wird, in gewisser Weise der Raum selbst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Kunst ist auch Material, denkt das Material in Verbindung mit m\u00f6glichen anderen Materialien und dem Raum selbst. Raum ist Ordnung, Kontext und Ortung. In einem zentrifugalen Impuls verbindet sich die Kunst heute mit ihrer Umgebung. Kunst ist Bewegung. Standbein \/ Spielbein, der Kontrapost und das Dazwischen. Die Kunst ist r\u00e4umlich, auch wenn sie nicht greifbar ist, und sie lebt von dem Verh\u00e4ltnis, das wir als Betrachter zu kn\u00fcpfen in der Lage sind. Ihr Feld ist offen und weit. Die Kunst koaliert mit der Gegenwart und der Gesellschaft. Sie ist reale Pr\u00e4senz und provoziert immer wieder neu gegenw\u00e4rtiges Wahrnehmen und Erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies gilt auch und in besonderer Weise f\u00fcr die Skulpturen von Andreas Theurer, die hier in dem flie\u00dfenden, klar akzentuiertem Raum in diesem Geb\u00e4ude aus den 36er Jahren des letzten Jahrhunderts versammelt sind und jeweils ein besonderes Verh\u00e4ltnis zwischen Raum und Fl\u00e4che, zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen K\u00f6rper und Zeichen erspielen und setzen. Die neueren Arbeiten hier sind aus Wellpappe und pr\u00e4zise aus diesem eher nonchalanten Material heraus gedacht. Abstrakte, architektonische Formen, aus geometrischen Grundelementen, wie dem W\u00fcrfel entwickelt setzen sie ein vielfaltiges Wahrnehmungsspiel in Gang, \u00f6ffnen sich zum Raum, der nun kein jenseitiger mehr ist, gehen um mit dem zerbrechlichen Kontinuum, in dem wir leben, das unser Leben ist \u2013 und seiner Vielansichtigkeit. Die K\u00f6rper und Formen irritieren, unterminieren Muster und Sehgewohnheit: Auf den ersten Blick erscheinen sie von anderer Materialit\u00e4t, als stabile Eisenskulpturen \u2013 ein Material-Mimikry, das in der Skulptur \u00fcber Material denkt. In der malerischen Behandlung der Fl\u00e4chen, in den Lasuren und konsolidierenden Schichtungen \u00f6ffnet sich die Struktur zu einem Dialog zwischen Dekonstruktion des Festgefugten und der Materialit\u00e4t, zwischen Licht und Schatten, zwischen Zeit und Ewigkeit. Ganz selbstverst\u00e4ndlich sind es Denkfiguren der \u00d6ffnung auf eine andere Sicht der Welt, einer Welt die ja zunehmend ins Wanken ger\u00e4t, fl\u00fcchtig und fl\u00fcssig geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die fast archetypisch anmutenden Figuren, fragende W\u00e4chter, diskutieren basale skulpturale Fragen, und dies fast im Paradox: Gerade in der subversiven Fl\u00e4chigkeit, in und durch ihre Silhouette erreichen die Stelen eine r\u00e4umliche Pr\u00e4senz, eine ganz eigene Weise der Anwesenheit im Raum. Als ob sie ihren materialen Kern verlassen wollten, stehen diese Menschenzeichen, transzendieren und transponieren ihre Volumina ins Imagin\u00e4re. Damit ist auch ein grundlegender Konflikt des Skulpturalen angesprochen: Die Figuren changieren zwischen organischer K\u00f6rperbildung und kubischer Abstraktion, zwischen Leiblichkeit und Bild, zwischen der graphischen Bezeichnung zum K\u00f6rperbild, zwischen der kondensierten Kraft und der Intensit\u00e4t des Augenblicks, zwischen dem Traum der Malerei und der Wirklichkeit der Plastik, um eine Unterscheidung von Herder aufzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Skulpturen von Andreas Theurer und dem, was sich in ihrem Zwischenraum ereignet, geht es also weniger um den Zustand als um einen Prozess, der die uneinholbare Prozessualit\u00e4t des Sehens, des Wahrnehmens einbegreift, der sich der Fixierung und Kontrolle entzieht. Dabei ist der Raum Teil und Ausl\u00f6ser der Entw\u00fcrfe, die die Welt nicht als unabh\u00e4ngiges Bild zeigen, sondern in ein Feld von M\u00f6glichkeiten verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Doroth\u00e9e Bauerle-Willert<\/strong><br>(* 9. Juli 1951 in G\u00f6ppingen . \u2020 15. Nov. 2022 in Montegrotto)<br>studierte Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie. Lehrt\u00e4tigkeit an der Universit\u00e4t K\u00f6ln sowie den Kunsthochschulen Dresden und Halle. Seit 2010 Gast-Dramaturgin am Landestheater in Bregenz. Verfasserin zahlreicher Publikationen zur zeitgen\u00f6ssischen Kunst.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dorothee Bauerle-Willert . 2016 zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eMarion Eichmann, Karsten Kusch, Andreas Theurer\u201c im Gehag Forum der Deutsche Wohnen AG am 22.06.2016 (Auszug) Sehr geehrte Damen und Herren,ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich im Gehag Forum\/Deutsche Wohnen \u2013 und wohnen ist ja ein komplexer Begriff. 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