{"id":730,"date":"2024-02-17T13:45:00","date_gmt":"2024-02-17T12:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/andreastheurer.web257.s153.goserver.host\/?page_id=730"},"modified":"2026-04-01T20:02:45","modified_gmt":"2026-04-01T18:02:45","slug":"text-lechleitner","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/text-lechleitner\/","title":{"rendered":"Text Lechleiter"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Antje Lechleiter . 2018<\/h2>\n\n\n\n<p>zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201ePositionen im Raum\u201c in der st\u00e4dtischen Galerie im Alten Rathaus in Lahr<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br>\u201eDer Raum existiert nicht, man muss ihn schaffen. (\u2026) Jede Skulptur, die vom Raum ausgeht als existiere er, ist falsch, es gibt nur die Illusion des Raumes\u201c, h\u00e4lt Alberto Giacometti 1949 in seinen Notizen fest. Diesen Satz w\u00fcrde Andreas Theurer, der heute mit seinen Werken in der St\u00e4dtischen Galerie zu Gast ist, zu 100 Prozent unterschreiben. Denn durch ihre Vielzahl an Perspektiven, ihre \u00d6ffnungen, Konturlinien und unruhigen Oberfl\u00e4chen kreieren seine Werke einen eigenen plastischen Raum und sie ver\u00e4ndern damit auch den Ort, an dem sie sich befinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sich selbst sieht Theurer als einen klassisch arbeitenden Bildhauer, doch durch die Eigenwilligkeit seiner Raumperspektiven, durch die Infragestellung von Raum und Zeit hat er zu einer eigenst\u00e4ndigen und sofort wiedererkennbaren Formensprache gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Meister des K\u00f6rperlichen und der Leiblichkeit war einst sein Lehrer an der Kunstakademie in Stuttgart und Theurer war von den Skulpturen des \u00d6sterreichers Alfred Hrdlickas begeistert. Doch dieser erkannte schnell die eigentliche Bestimmung seines Sch\u00fclers und prophezeite ihm: \u201eIn Ihnen steckt ein Abstrakter\u201c. Er hatte Recht und im Zuge seiner weiteren Entwicklung machte Andreas Theurer die Ver\u00e4nderung des Raumes durch einen permanenten Wechsel der Perspektive (im doppeldeutigen Sinne dieses Wortes) zu seinem zentralen bildnerischen Thema. Inzwischen spricht der K\u00fcnstler konsequenterweise von seinen Werken als \u201eRaum-Skulpturen\u201c. Dieser Begriff ist sowohl f\u00fcr seine geometrisch-abstrakten als auch f\u00fcr die reduziert-fig\u00fcrlichen Arbeiten g\u00fcltig. Denn ob seine architektonischen K\u00f6rper oder die in sich ruhenden Statuen gro\u00df oder klein, schwer oder leicht sind, immer schaffen sie sich einen eigenen Raum und machen diesen durch ihr Da-sein erfahrbar. Theurer arbeitet bevorzugt mit reduzierten geometrischen, oftmals sehr architektonischen Formen, wir finden W\u00fcrfel, Tore und ge\u00f6ffnete R\u00e4ume, die wir mit den Augen betreten k\u00f6nnen. Damit ruht unsere Aufmerksamkeit im gleichen Ma\u00dfe auf dem Gestalteten wie auf dem Ungestalteten. Dazu passt, dass seine Arbeiten \u00fcber klare Konturen verf\u00fcgen und ihre Kanten wie Linien den Raum bezeichnen. Wir folgen ihnen in der Betrachtung und geraten dabei selbst in Bewegung, umkreisen die Skulptur, werden von immer neuen An- und Durchblicken, Auf- und Untersichten, vom lebendigen Spiel mit Licht und Schatten \u00fcberrascht. Dieses tektonische Ger\u00fcst f\u00fcgt sich weniger aus rechten als aus stumpfen und spitzten Winkeln, welche zu einer Verschiebung f\u00fchren und damit die Sehgewohnheiten des Betrachters herausfordern. Unsere Vorstellung von Raum als etwas Statisches wird massiv Infrage gestellt und kippt, wankt in der Vielansichtigkeit der von Theurer vorgetragenen Perspektiven. Arbeiten wie \u201eRaumparadox\u201c oder \u201eRaumgrenzen\u201c aber auch die Bronzen \u201eDer relative Raum\u201c und \u201eGeh\u00e4use\u201c spielen mit der Verschr\u00e4nkung und der Durchdringung von Innen und Au\u00dfen und sie zeigen \u00fcberdies, dass in jeder Flache auch die Information und die M\u00f6glichkeit f\u00fcr ein Vordringen in den Raum angelegt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Theurer hat zun\u00e4chst mit Stein und Holz, sowie mit Bronzeguss gearbeitet, doch die besondere Lichtsituation in einem seiner Ateliers und die Freude am Wechselspiel von Licht und Schatten, Fl\u00e4che und r\u00e4umlicher Tiefe f\u00fchrte ihn bei seiner Suche nach einem neuen Material schlie\u00dflich zur Wellpappe. Alleine die Struktur ihrer Oberfl\u00e4che kommt ihm mit ihrem fast barocken Wechsel von vor- und zur\u00fcckspringenden Partien und dem dadurch hervorgerufenen Wechsel von Hell und Dunkel entgegen, doch er erweitert die hier angelegten M\u00f6glichkeiten durch zus\u00e4tzliche Eingriffe. Der K\u00fcnstler grundiert die Pappe um sie best\u00e4ndiger zu machen und betont ihre grafische Struktur durch den Auftrag von Acrylfarbe. \u00dcberdies \u00fcberstreut er das Material partiell mit Sand, der sich in die Vertiefungen hineinsetzt und wiederum malerische Strukturen bildet. Das von der Art der Beleuchtung und der Bewegung des Betrachters abh\u00e4ngige, wechselvolle Spiel der Schatten auf den solcherma\u00dfen kontrastreich beschaffenen Oberfl\u00e4chen bringt nun eine weitere, durch die Kraft der Ver\u00e4nderbarkeit gepr\u00e4gte Ebene ins Bild. Mit dem Sand schwebt ein Hauch von Verg\u00e4nglichkeit \u00fcber diesen Werken und zum Thema \u201eRaum\u201c tritt damit der Faktor \u201eZeit\u201c. Diesen Aspekt m\u00f6chte ich angesichts der ausgestellten Arbeit \u201eSchattenwelt\u201c weiter verdeutlichen, die Sie ja auch auf der Einladungskarte finden. Die Abbildung zeigt \u00fcberraschenderweise zwei Schlagschatten, und so fragt man sich, welcher von beiden wohl aus dem Stand der Sonne resultieren mag. Blickt man genauer hin, so erkennt man, dass der rechte Schatten im Laufe des Tages weiterwandern wird, w\u00e4hrend sich der linke aus schwarzem Sand f\u00fcgt, also materiell vorhanden ist und in seiner Position verharren wird. Stillstand und Ver\u00e4nderung \u2013 Theurer setzt die reale Zeit au\u00dfer Kraft und f\u00fchrt uns in eine \u201eSchattenwelt\u201c \u2013 in einen br\u00fcchigen Raum der reinen Imagination.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir finden in der Ausstellung einige \u00e4ltere Bronzen aus den 1990er Jahren, die zu einer Zeit entstanden sind, als der K\u00fcnstler Wellpappe noch nicht als eigenst\u00e4ndiges bildhauerisches Material benutzte. Zun\u00e4chst setzte er die wellenf\u00f6rmige Oberfl\u00e4che und die Variabilit\u00e4t ihrer Zuschnitte zwar f\u00fcr sein bildhauerisches Konzept ein, \u00fcbertrug sie dann aber in den klassischen Bildhauerwerkstoff Bronze. Das Pathos von Bronze als traditionellem Material von Herrscherportraits, Standbildern und Denkm\u00e4lern und damit als Inbegriff der Ewigkeit wird inzwischen von ihm ad absurdum gef\u00fchrt. Heute steht das provisorische und verg\u00e4ngliche Material Wellpappe den Arbeiten aus Stein, Holz und Bronze gleichberechtigt zur Seite und strahlt eine gro\u00dfe Skepsis gegen\u00fcber der Dauerhaftigkeit und Geschlossenheit eines Kunstwerkes aus. Pappe k\u00f6nnte man daher als eine Metapher f\u00fcr die Unberechenbarkeit der Gesellschaft und Instabilit\u00e4t der Welt auffassen und damit befinden wir uns bereits im Bereich der Werkdeutung. Das mag erstaunen, denn indem der K\u00fcnstler bevorzugt mit geometrisch abstrakten Formen arbeitet, k\u00f6nnte man sein Werk in die N\u00e4he von konstruktiven Skulpturen r\u00fccken. Dies tr\u00e4fe allerdings nicht den Kern der Dinge, denn Theurers Geometrie betont keine Statik, sondern impliziert Aspekte wie Beweglichkeit, Mehrdeutigkeit und Ver\u00e4nderung und ist keineswegs von pers\u00f6nlichen Emotionen befreit. \u00dcber den Umgang mit Material und Form hinausgehend, wollen seine Skulpturen unseren Blick auf die Welt weiten. Durch Umkehrungen der Perspektive, durch diese \u201eschr\u00e4gen Raumkonzepte\u201c, entsteht eine Bildwirklichkeit, die viele Wahrheiten in sich vereint und uns nach immer neuen Wahrheiten und neuen Perspektiven suchen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu ein Zitat des Kunsthistorikers und Kurators Cetin G\u00fczelhan: \u201eDie Dialektik in Theurers Arbeit ist offensichtlich. Bei aller formalen Strenge, Festigkeit und Statuarik f\u00fchren uns seine Skulpturen die Schieflage der Welt vor Augen. Denn wenn die Sicht der Dinge den eigenen Horizont \u00fcberwindet und verschiedene Perspektiven gleichzeitig gelten, dann schwankt die Welt, dann st\u00fcrzen die Linien, dann sp\u00fcren wir die Labilit\u00e4t unseres Daseins \u2013 und sehen die Welt mit Theurers Augen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In unserem Vorgespr\u00e4ch habe ich den K\u00fcnstler gefragt, wie sich die fig\u00fcrlicheren Werke in sein Raumkonzept f\u00fcgen. Betrachten Sie im Hinblick darauf diese aus der Zeit herausgel\u00f6sten, w\u00e4chterhaften Gestaltungen oder die drei Bronzen \u201eVerh\u00fcllt I-III\u201c. Theurer meinte, dass seine r\u00e4umlichen Verschiebungen nur bis zu einem gewissen Abstraktionsgrad m\u00f6glich w\u00e4ren und er an jener Stelle nach neuen Ansatzpunkten suchen m\u00fcsse, an der er keine lesbare Perspektive mehr zeigen k\u00f6nne. Hier kommen die fig\u00fcrlichen Arbeiten ins Spiel, geben sie ihm doch die M\u00f6glichkeit, dieses andere Raumverst\u00e4ndnis wieder im Realen zu verorten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren, an den Werken von Andreas Theurer fasziniert mich die Beziehung zwischen dem Sichtbaren und dem Denkbaren. Aus dem rhythmischen Zusammenspiel von Licht und Schatten, Fl\u00e4che und Raum, Ruhe und Bewegung ergeben sich vieldeutige Bildwelten, die nicht nur das materiell Greifbare, sondern auch das Unbegreifbare, das Abwesende, erkennbar und empfindbar machen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Antje Lechleiter<\/strong><br>studierte Kunstgeschichte, Kulturanthropologie und Europ\u00e4ische Ethnologie sowie Klassische Arch\u00e4ologie in W\u00fcrzburg und Freiburg. Sie ist als Kuratorin, Kunstjournalistin und Dozentin in Freiburg im Breisgau t\u00e4tig.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antje Lechleiter . 2018 zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201ePositionen im Raum\u201c in der st\u00e4dtischen Galerie im Alten Rathaus in Lahr Sehr geehrte Damen und Herren,\u201eDer Raum existiert nicht, man muss ihn schaffen. 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