{"id":12,"date":"2024-02-08T15:58:50","date_gmt":"2024-02-08T14:58:50","guid":{"rendered":"https:\/\/andreastheurer.web257.s153.goserver.host\/?page_id=12"},"modified":"2024-02-14T14:23:18","modified_gmt":"2024-02-14T13:23:18","slug":"texte1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/texte1\/","title":{"rendered":"Texte1"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Texts<\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Antje Lechleiter . 2018<\/h2>\n\n\n\n<p>zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung &#8222;Positionen im Raum&#8220; in der st\u00e4dtischen Galerie im Alten Rathaus in Lahr<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br>&#8222;Der Raum existiert nicht, man muss ihn schaffen. (\u2026) Jede Skulptur, die vom Raum ausgeht als existiere er, ist falsch, es gibt nur die Illusion des Raumes\u201c, h\u00e4lt Alberto Giacometti 1949 in seinen Notizen fest. Diesen Satz w\u00fcrde Andreas Theurer, der heute mit seinen Werken in der St\u00e4dtischen Galerie zu Gast ist, zu 100 Prozent unterschreiben. Denn durch ihre Vielzahl an Perspektiven, ihre \u00d6ffnungen, Konturlinien und unruhigen Oberfl\u00e4chen kreieren seine Werke einen eigenen plastischen Raum und sie ver\u00e4ndern damit auch den Ort, an dem sie sich befinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sich selbst sieht Theurer als einen klassisch arbeitenden Bildhauer, doch durch die Eigenwilligkeit seiner Raumperspektiven, durch die Infragestellung von Raum und Zeit hat er zu einer eigenst\u00e4ndigen und sofort wiedererkennbaren Formensprache gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Meister des K\u00f6rperlichen und der Leiblichkeit war einst sein Lehrer an der Kunstakademie in Stuttgart und Theurer war von den Skulpturen des \u00d6sterreichers Alfred Hrdlickas begeistert. Doch dieser erkannte schnell die eigentliche Bestimmung seines Sch\u00fclers und prophezeite ihm: &#8222;In Ihnen steckt ein Abstrakter&#8220;. Er hatte Recht und im Zuge seiner weiteren Entwicklung machte Andreas Theurer die Ver\u00e4nderung des Raumes durch einen permanenten Wechsel der Perspektive (im doppeldeutigen Sinne dieses Wortes) zu seinem zentralen bildnerischen Thema. Inzwischen spricht der K\u00fcnstler konsequenterweise von seinen Werken als &#8222;Raum-Skulpturen&#8220;. Dieser Begriff ist sowohl f\u00fcr seine geometrisch-abstrakten als auch f\u00fcr die reduziert-fig\u00fcrlichen Arbeiten g\u00fcltig. Denn ob seine architektonischen K\u00f6rper oder die in sich ruhenden Statuen gro\u00df oder klein, schwer oder leicht sind, immer schaffen sie sich einen eigenen Raum und machen diesen durch ihr Da-sein erfahrbar. Theurer arbeitet bevorzugt mit reduzierten geometrischen, oftmals sehr architektonischen Formen, wir finden W\u00fcrfel, Tore und ge\u00f6ffnete R\u00e4ume, die wir mit den Augen betreten k\u00f6nnen. Damit ruht unsere Aufmerksamkeit im gleichen Ma\u00dfe auf dem Gestalteten wie auf dem Ungestalteten. Dazu passt, dass seine Arbeiten \u00fcber klare Konturen verf\u00fcgen und ihre Kanten wie Linien den Raum bezeichnen. Wir folgen ihnen in der Betrachtung und geraten dabei selbst in Bewegung, umkreisen die Skulptur, werden von immer neuen An- und Durchblicken, Auf- und Untersichten, vom lebendigen Spiel mit Licht und Schatten \u00fcberrascht. Dieses tektonische Ger\u00fcst f\u00fcgt sich weniger aus rechten als aus stumpfen und spitzten Winkeln, welche zu einer Verschiebung f\u00fchren und damit die Sehgewohnheiten des Betrachters herausfordern. Unsere Vorstellung von Raum als etwas Statisches wird massiv Infrage gestellt und kippt, wankt in der Vielansichtigkeit der von Theurer vorgetragenen Perspektiven. Arbeiten wie &#8222;Raumparadox&#8220; oder &#8222;Raumgrenzen&#8220; aber auch die Bronzen &#8222;Der relative Raum&#8220; und &#8222;Geh\u00e4use&#8220; spielen mit der Verschr\u00e4nkung und der Durchdringung von Innen und Au\u00dfen und sie zeigen \u00fcberdies, dass in jeder Flache auch die Information und die M\u00f6glichkeit f\u00fcr ein Vordringen in den Raum angelegt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Theurer hat zun\u00e4chst mit Stein und Holz, sowie mit Bronzeguss gearbeitet, doch die besondere Lichtsituation in einem seiner Ateliers und die Freude am Wechselspiel von Licht und Schatten, Fl\u00e4che und r\u00e4umlicher Tiefe f\u00fchrte ihn bei seiner Suche nach einem neuen Material schlie\u00dflich zur Wellpappe. Alleine die Struktur ihrer Oberfl\u00e4che kommt ihm mit ihrem fast barocken Wechsel von vor- und zur\u00fcckspringenden Partien und dem dadurch hervorgerufenen Wechsel von Hell und Dunkel entgegen, doch er erweitert die hier angelegten M\u00f6glichkeiten durch zus\u00e4tzliche Eingriffe. Der K\u00fcnstler grundiert die Pappe um sie best\u00e4ndiger zu machen und betont ihre grafische Struktur durch den Auftrag von Acrylfarbe. \u00dcberdies \u00fcberstreut er das Material partiell mit Sand, der sich in die Vertiefungen hineinsetzt und wiederum malerische Strukturen bildet. Das von der Art der Beleuchtung und der Bewegung des Betrachters abh\u00e4ngige, wechselvolle Spiel der Schatten auf den solcherma\u00dfen kontrastreich beschaffenen Oberfl\u00e4chen bringt nun eine weitere, durch die Kraft der Ver\u00e4nderbarkeit gepr\u00e4gte Ebene ins Bild. Mit dem Sand schwebt ein Hauch von Verg\u00e4nglichkeit \u00fcber diesen Werken und zum Thema &#8222;Raum&#8220; tritt damit der Faktor &#8222;Zeit&#8220;. Diesen Aspekt m\u00f6chte ich angesichts der ausgestellten Arbeit &#8222;Schattenwelt&#8220; weiter verdeutlichen, die Sie ja auch auf der Einladungskarte finden. Die Abbildung zeigt \u00fcberraschenderweise zwei Schlagschatten, und so fragt man sich, welcher von beiden wohl aus dem Stand der Sonne resultieren mag. Blickt man genauer hin, so erkennt man, dass der rechte Schatten im Laufe des Tages weiterwandern wird, w\u00e4hrend sich der linke aus schwarzem Sand f\u00fcgt, also materiell vorhanden ist und in seiner Position verharren wird. Stillstand und Ver\u00e4nderung &#8211; Theurer setzt die reale Zeit au\u00dfer Kraft und f\u00fchrt uns in eine &#8222;Schattenwelt&#8220; &#8211; in einen br\u00fcchigen Raum der reinen Imagination.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir finden in der Ausstellung einige \u00e4ltere Bronzen aus den 1990er Jahren, die zu einer Zeit entstanden sind, als der K\u00fcnstler Wellpappe noch nicht als eigenst\u00e4ndiges bildhauerisches Material benutzte. Zun\u00e4chst setzte er die wellenf\u00f6rmige Oberfl\u00e4che und die Variabilit\u00e4t ihrer Zuschnitte zwar f\u00fcr sein bildhauerisches Konzept ein, \u00fcbertrug sie dann aber in den klassischen Bildhauerwerkstoff Bronze. Das Pathos von Bronze als traditionellem Material von Herrscherportraits, Standbildern und Denkm\u00e4lern und damit als Inbegriff der Ewigkeit wird inzwischen von ihm ad absurdum gef\u00fchrt. Heute steht das provisorische und verg\u00e4ngliche Material Wellpappe den Arbeiten aus Stein, Holz und Bronze gleichberechtigt zur Seite und strahlt eine gro\u00dfe Skepsis gegen\u00fcber der Dauerhaftigkeit und Geschlossenheit eines Kunstwerkes aus. Pappe k\u00f6nnte man daher als eine Metapher f\u00fcr die Unberechenbarkeit der Gesellschaft und Instabilit\u00e4t der Welt auffassen und damit befinden wir uns bereits im Bereich der Werkdeutung. Das mag erstaunen, denn indem der K\u00fcnstler bevorzugt mit geometrisch abstrakten Formen arbeitet, k\u00f6nnte man sein Werk in die N\u00e4he von konstruktiven Skulpturen r\u00fccken. Dies tr\u00e4fe allerdings nicht den Kern der Dinge, denn Theurers Geometrie betont keine Statik, sondern impliziert Aspekte wie Beweglichkeit, Mehrdeutigkeit und Ver\u00e4nderung und ist keineswegs von pers\u00f6nlichen Emotionen befreit. \u00dcber den Umgang mit Material und Form hinausgehend, wollen seine Skulpturen unseren Blick auf die Welt weiten. Durch Umkehrungen der Perspektive, durch diese &#8222;schr\u00e4gen Raumkonzepte&#8220;, entsteht eine Bildwirklichkeit, die viele Wahrheiten in sich vereint und uns nach immer neuen Wahrheiten und neuen Perspektiven suchen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu ein Zitat des Kunsthistorikers und Kurators Cetin G\u00fczelhan: \u201eDie Dialektik in Theurers Arbeit ist offensichtlich. Bei aller formalen Strenge, Festigkeit und Statuarik f\u00fchren uns seine Skulpturen die Schieflage der Welt vor Augen. Denn wenn die Sicht der Dinge den eigenen Horizont \u00fcberwindet und verschiedene Perspektiven gleichzeitig gelten, dann schwankt die Welt, dann st\u00fcrzen die Linien, dann sp\u00fcren wir die Labilit\u00e4t unseres Daseins \u2013 und sehen die Welt mit Theurers Augen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In unserem Vorgespr\u00e4ch habe ich den K\u00fcnstler gefragt, wie sich die fig\u00fcrlicheren Werke in sein Raumkonzept f\u00fcgen. Betrachten Sie im Hinblick darauf diese aus der Zeit herausgel\u00f6sten, w\u00e4chterhaften Gestaltungen oder die drei Bronzen &#8222;Verh\u00fcllt I-III&#8220;. Theurer meinte, dass seine r\u00e4umlichen Verschiebungen nur bis zu einem gewissen Abstraktionsgrad m\u00f6glich w\u00e4ren und er an jener Stelle nach neuen Ansatzpunkten suchen m\u00fcsse, an der er keine lesbare Perspektive mehr zeigen k\u00f6nne. Hier kommen die fig\u00fcrlichen Arbeiten ins Spiel, geben sie ihm doch die M\u00f6glichkeit, dieses andere Raumverst\u00e4ndnis wieder im Realen zu verorten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren, an den Werken von Andreas Theurer fasziniert mich die Beziehung zwischen dem Sichtbaren und dem Denkbaren. Aus dem rhythmischen Zusammenspiel von Licht und Schatten, Fl\u00e4che und Raum, Ruhe und Bewegung ergeben sich vieldeutige Bildwelten, die nicht nur das materiell Greifbare, sondern auch das Unbegreifbare, das Abwesende, erkennbar und empfindbar machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Antje Lechleitner<br>studierte Kunstgeschichte, Kulturanthropologie und Europ\u00e4ische Ethnologie sowie Klassische Arch\u00e4ologie in W\u00fcrzburg und Freiburg. Sie ist als Kuratorin, Kunstjournalistin und Dozentin in Freiburg im Breisgau t\u00e4tig.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rainer Ehrt . 2018<\/h2>\n\n\n\n<p>zur Vernissage Theurer \/ Beumelburg am 3.6. im Kunstverein Kleinmachnow (Auszug)<\/p>\n\n\n\n<p>Andreas Theurer stammt aus G\u00f6ppingen und hat an der Kunstakademe Stuttgart bei Alfred Hridlicka Bildhauerei studiert. Nach verschiedenen Lehr\u00e4mtern in Braunschweig und Berlin ist er seit 1993 Professor an der Hochschule Anhalt am Bauhaus Dessau. Eine gro\u00dfe Ausstellung von ihm ist \u00fcbrigens gerade in der Vertretung des Landes Rheinland -Pfalz in Berlin zusehen, zusammen mit Bildern von Edite Grinberga. Ich erw\u00e4hnte schon seine Relief- Skulptur \u201eRaumparadox\u201c, die auf eine strenge, aber doch auch spielerische Weise einen artifiziellen Raum im Raum \u00f6ffnet (Einstein h\u00e4tte seine Freude daran gehabt\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p>Theurer sagt selbst dazu: \u201eIch arbeite mit einer Geometrie, die nicht der Verortung, sondern der Ortsver\u00e4nderung geschuldet ist. Zeit-Geometrie hab ich sie manchmal genannt\u201c. In diese Ausstellung reichen seine Mittel dazu von gebeizten, bemalten, angeschliffenen H\u00f6lzern \u00fcber lasergeschnittenen Stahl bis hin zu Skulpturen aus leichter Wellpappe, welche letztere er aber auf faszinierende Weise kolossal, schwer und zeichenhaft zu machen versteht, so dass man kaum glaubt, dass die alten Dielen des Landarbeiterhauses sie aushalten. Die Monumentalit\u00e4t, Zeichenhaftigkeit und existentielle Wucht von Theurers Figuren sind also nicht nur am Material, auch nicht nur an der schieren Gr\u00f6\u00dfe festgemacht, gro\u00df sind sie auch im Kleinen. So wenig zuf\u00e4llig sich harte und weiche Kanten, glatte und schrundige Oberfl\u00e4chen, geballtes Volumen und feine stereometrische Lineaturen in dieser Plastik begegnen, so wenig zuf\u00e4llig sind sie auch im jeweiligen Raum, in dem sie sich aufhalten, und zueinander platziert. Sie dialogisieren doppelt: Mit uns und untereinander. Theurers Figuren bringen es fertig, bestimmend und offen zugleich zu sein, und sie wirken nicht gesucht, sondern gefunden, um einen bekannten Satz Picassos abzuwandeln. Die samtigen Schw\u00e4rzungen und illusion\u00e4ren Raumlinien, welche sie \u00fcberziehen, sind Elemente einer beinahe sakralen Stille und eines anderen, erweiterten Raumverst\u00e4ndnisses, aber daneben und dar\u00fcber hinaus sind sie auch einfach von einer strengen Sch\u00f6nheit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rainer Ehrt<\/strong><br>(* 13. August 1960 in Elbingerode, Harz)<br>ist ein deutscher Maler, Grafiker, Illustrator, Cartoonist und Autor. F\u00fcr sein k\u00fcnstlerisches Werk hat er zahlreiche nationale und internationale Preise erhalten. Er lebt in Kleinmachnow und ist Leiter des Kleinmachnower Kunstvereins \u201eDie Br\u00fccke\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dorothee Bauerle-Willert . 2016<\/h2>\n\n\n\n<p>zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eMarion Eichmann, Karsten Kusch, Andreas Theurer&#8220; im Gehag Forum der Deutsche Wohnen AG am 22.06.2016 (Auszug)<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br>ich begr\u00fc\u00dfe Sie herzlich im Gehag Forum\/Deutsche Wohnen &#8211; und wohnen ist ja ein komplexer Begriff. Mit Peter Sloterdijk erinnern gerade die K\u00fcnstler als Tiefenbewohner der Welt an die Frage, wie das Welthaus \u00fcberhaupt zu bewohnen sei. Es sind die ,Anderswohnenden&#8216; und ihr sein in der Welt bedeutet immer auch Mitarbeit an den mannigfachen Formen der Welt, am Fundus der Kultur. Kunstwerke erschlie\u00dfen den Raum, gestalten ihn zum Ort, konstituieren ihn in dem steten Wechselspiel von Ausr\u00e4umen und Einr\u00e4umen, von Zulassen und Einlassen &#8211; und gerade in der Plastik, der Skulptur ist das, \u201ewas zuerst und vor allem Einzelnen wahrgenommen wird, in gewisser Weise der Raum selbst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Kunst ist auch Material, denkt das Material in Verbindung mit m\u00f6glichen anderen Materialien und dem Raum selbst. Raum ist Ordnung, Kontext und Ortung. In einem zentrifugalen Impuls verbindet sich die Kunst heute mit ihrer Umgebung. Kunst ist Bewegung. Standbein \/ Spielbein, der Kontrapost und das Dazwischen. Die Kunst ist r\u00e4umlich, auch wenn sie nicht greifbar ist, und sie lebt von dem Verh\u00e4ltnis, das wir als Betrachter zu kn\u00fcpfen in der Lage sind. Ihr Feld ist offen und weit. Die Kunst koaliert mit der Gegenwart und der Gesellschaft. Sie ist reale Pr\u00e4senz und provoziert immer wieder neu gegenw\u00e4rtiges Wahrnehmen und Erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies gilt auch und in besonderer Weise f\u00fcr die Skulpturen von Andreas Theurer, die hier in dem flie\u00dfenden, klar akzentuiertem Raum in diesem Geb\u00e4ude aus den 36er Jahren des letzten Jahrhunderts versammelt sind und jeweils ein besonderes Verh\u00e4ltnis zwischen Raum und Fl\u00e4che, zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen K\u00f6rper und Zeichen erspielen und setzen. Die neueren Arbeiten hier sind aus Wellpappe und pr\u00e4zise aus diesem eher nonchalanten Material heraus gedacht. Abstrakte, architektonische Formen, aus geometrischen Grundelementen, wie dem W\u00fcrfel entwickelt setzen sie ein vielfaltiges Wahrnehmungsspiel in Gang, \u00f6ffnen sich zum Raum, der nun kein jenseitiger mehr ist, gehen um mit dem zerbrechlichen Kontinuum, in dem wir leben, das unser Leben ist &#8211; und seiner Vielansichtigkeit. Die K\u00f6rper und Formen irritieren, unterminieren Muster und Sehgewohnheit: Auf den ersten Blick erscheinen sie von anderer Materialit\u00e4t, als stabile Eisenskulpturen &#8211; ein Material-Mimikry, das in der Skulptur \u00fcber Material denkt. In der malerischen Behandlung der Fl\u00e4chen, in den Lasuren und konsolidierenden Schichtungen \u00f6ffnet sich die Struktur zu einem Dialog zwischen Dekonstruktion des Festgefugten und der Materialit\u00e4t, zwischen Licht und Schatten, zwischen Zeit und Ewigkeit. Ganz selbstverst\u00e4ndlich sind es Denkfiguren der \u00d6ffnung auf eine andere Sicht der Welt, einer Welt die ja zunehmend ins Wanken ger\u00e4t, fl\u00fcchtig und fl\u00fcssig geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die fast archetypisch anmutenden Figuren, fragende W\u00e4chter, diskutieren basale skulpturale Fragen, und dies fast im Paradox: Gerade in der subversiven Fl\u00e4chigkeit, in und durch ihre Silhouette erreichen die Stelen eine r\u00e4umliche Pr\u00e4senz, eine ganz eigene Weise der Anwesenheit im Raum. Als ob sie ihren materialen Kern verlassen wollten, stehen diese Menschenzeichen, transzendieren und transponieren ihre Volumina ins Imagin\u00e4re. Damit ist auch ein grundlegender Konflikt des Skulpturalen angesprochen: Die Figuren changieren zwischen organischer K\u00f6rperbildung und kubischer Abstraktion, zwischen Leiblichkeit und Bild, zwischen der graphischen Bezeichnung zum K\u00f6rperbild, zwischen der kondensierten Kraft und der Intensit\u00e4t des Augenblicks, zwischen dem Traum der Malerei und der Wirklichkeit der Plastik, um eine Unterscheidung von Herder aufzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Skulpturen von Andreas Theurer und dem, was sich in ihrem Zwischenraum ereignet, geht es also weniger um den Zustand als um einen Prozess, der die uneinholbare Prozessualit\u00e4t des Sehens, des Wahrnehmens einbegreift, der sich der Fixierung und Kontrolle entzieht. Dabei ist der Raum Teil und Ausl\u00f6ser der Entw\u00fcrfe, die die Welt nicht als unabh\u00e4ngiges Bild zeigen, sondern in ein Feld von M\u00f6glichkeiten verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Doroth\u00e9e Bauerle-Willert<\/strong><br>(* 9. Juli 1951 in G\u00f6ppingen .  \u2020 15. Nov. 2022 in Montegrotto)<br>studierte Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie. Lehrt\u00e4tigkeit an der Universit\u00e4t K\u00f6ln sowie den Kunsthochschulen Dresden und Halle. Seit 2010 Gast-Dramaturgin am Landestheater in Bregenz. Verfasserin zahlreicher Publikationen zur zeitgen\u00f6ssischen Kunst.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Birgit M\u00f6ckel . 2015<\/h2>\n\n\n\n<p>Nicht von Pappe.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Sprache des Materials in einer aktuellen Werkreihe von Andreas Theurer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, sie sind aus Pappe, diese neuen Skulpturen von Andreas Theurer. Konsequent aus diesem Material gedacht und entwickelt, zeigen sie die origin\u00e4re Handschrift eines Bildhauers, der mit bewusst gew\u00e4hlter Stofflichkeit, Oberfl\u00e4chenreizen und Farbnuancen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Wirkung der Formen im Raum erreicht und nicht zuletzt gerade durch das Material weitreichende inhaltliche Konnotationen weckt. Sie t\u00e4uschen nicht, diese hochaufragenden geschlossenen K\u00f6rperformen. Sie spielen vielmehr mit Licht und Schatten, mit der Illusion von Fl\u00e4che und Raum und so dichten wie transparenten Strukturen. In der fragmentierten Au\u00dfenhaut offenbart sich eine gleichsam arch\u00e4ologische Topographie oder Seelenlandschaft &#8211; als umfassende Projektionsfl\u00e4che einer weithin sichtbaren und sp\u00fcrbaren br\u00fcchigen Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bildhauer Andreas Theurer wei\u00df um die spezifische und durchaus auch kulturell gepr\u00e4gte (Aussage)kraft von Material, sei es Holz, Stein, Bronze oder \u2013 wie hier \u2013 schlichte Pappe, Sand und Farbe. Mit dem aufgrund seiner mehrschichtigen Struktur \u00e4u\u00dferst stabilen Werkstoff entwickelt er irritierende K\u00f6rper und R\u00e4ume, deren perspektivische Wechsel und Ansichten immer neu unsere eingefahrenen codierten Sehweisen ins Wanken bringen. Pr\u00e4zise aufgef\u00e4chert, mit harten, teils holzschnittartigen Kanten und Konturen, \u00f6ffnen und schlie\u00dfen sich diese komplex strukturierten, ganz in sich ruhenden Statuen und architektonischen K\u00f6rper, um \u2013 peu \u00e0 peu im Umschreiten &#8211; mit unerwarteten Perspektiven und neuen Deutungsm\u00f6glichkeiten zu \u00fcberraschen. Passagen aus kontrastierenden malerischen, graphischen, hellen und dunklen Partien folgen einem eigenen Rhythmus und inneren Reiz, der zwischen den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten von Material und Form und so assoziativen wie naturnahen Prozessen oszilliert. Im flie\u00dfenden Miteinander der einzelnen Fl\u00e4chen entsteht die Lebendigkeit eines facettenreichen Materials, das jedes Teilst\u00fcck eines umfassenden Ganzen spannungsreich einbindet, H\u00fclle und Kern umf\u00e4ngt und aus der N\u00e4he Ferne zu evozieren wei\u00df \u2013 oder vice versa.<\/p>\n\n\n\n<p>Was verbirgt sich hinter der Fassade dieser Archetypen, die sich mit einer d\u00fcnn lasierten rostrauen Tarnung wappnen, die in der Nahsicht umso deutlicher die Verletzbarkeit der Au\u00dfenhaut preisgibt. Ob Mimikry oder Camouflage \u2013 die Schutzmechanismen der Natur und des Menschen funktionieren bestens aus der Distanz, um im direkten Gegen\u00fcber eine b\u00fchnenhafte Illusion zu offenbaren, die eigenen Wirkmechanismen folgt. Ob aus der Evolution geboren oder zu milit\u00e4rischen Zwecken genutzt, jedwede variantenreiche Tarnung hilft zu \u00fcberleben und t\u00e4uscht den Feind oder den arglosen Betrachter, der sich den Figuren und Raumskulpturen des Bildhauers n\u00e4hert. Wie Zeugen fremder Kulturen erz\u00e4hlt ihre (Zur\u00fcck)-Haltung und reduzierte klare Form von einer fernen Zivilisation, w\u00e4hrend das Material in seiner Einfachheit und allt\u00e4glichen dinglichen Pr\u00e4senz sie ganz in der Gegenwart verankert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dialog von sichtbarer Dekonstruktion der Oberfl\u00e4che und warm schimmernden gleichsam festigenden Lasuren und dem damit verbundenen Licht- und Schattenspiel r\u00fcckt die Idee eines Materials vor Augen, das auf Dauer angelegt ist. Doch was bedeutet jener Gedanke an Ewigkeit angesichts einer Welt mit immer neuen Krisenherden, zerst\u00f6rerischen Kriegen, dem nicht endenden Verlust von Menschenleben und kulturellem Ged\u00e4chtnis? Was zeigen menschenleere Architekturfragmente, die Andreas Theurer m\u00f6glichst flach an die Wand schmiegen l\u00e4sst, um von dort eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche illusion\u00e4re Raumwirkung und Sogkraft zu entfalten \u2013 insbesondere im Dialog mit seinen gleichsam aus der Zeit heraus gel\u00f6sten und doch auf das engste mit der Gegenwart verbundenen Figuren?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit leichter Hand haben sich diese Protagonisten aus dem Schatten ihrer massiven Pendants gel\u00f6st und ihren Platz im Oeuvre erobert. Gleichsam herausgesch\u00e4lt aus dem innersten Kern einer zutiefst humanistisch gepr\u00e4gten k\u00fcnstlerischen Idee bilden sie jetzt eine neue Werkgruppe, die eigene Schatten wirft: zuweilen ganz real aus schwarzem Sand. Was ist Wirklichkeit? Was ist Vorstellungskraft? Neben dem Material Stein und dem hell und dunkel gefassten Holz seines bisherigen Oeuvres, ist es vielleicht gerade die Synthese aus Anpassungsf\u00e4higkeit und mit leichter Hand zu transformierenden Werkstoffes Pappe, die sich Andreas Theurer zu eigen macht, um \u00fcber die tradierte geometrische Perspektive und Modellhaftigkeit hinaus weitere authentische Wahrnehmungsr\u00e4ume zu schaffen, die vom Innersten des Menschen und einer umfassenden Seelenlandschaft erz\u00e4hlen \u2013 als zeitliche Spur und br\u00fcchige Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Birgit M\u00f6ckel<\/strong><br>(* 1958 in Bruchsal)<br>ist Kunsthistorikerin in Berlin. Sie ist als Autorin, Kuratorin und Lehrbeauftragte t\u00e4tig sowie Vorsitzende des Kunstverein KunstHaus Potsdam e.V.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Heribert Prantl . 2012<\/h2>\n\n\n\n<p>Auszug aus der Festrede zur Einweihung des Wirth-Denkmals \u201eTrib\u00fcne\u201c in Hof am 25.11.2012<br><br>Liebe Freundinnen und Freunde der Pressefreiheit, liebe Festg\u00e4ste bei der Feier dieses sch\u00f6nsten und einzigen Denkmals der Pressefreiheit in Deutschland, das Hof zu einem Ort macht, an dem man die Demokratie begehen, betreten und auch besitzen kann:<br><br>Einigkeit und Recht und Freiheit haben jetzt hier in Hof einen ganz besonderen, einen ganz speziellen Ort. Hof wird damit sozusagen zur \u201eDeutschen Trib\u00fcne\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. Heribert Prantl<\/strong><br>(* 30. Juli 1953 in Nittenau, Bayern)<br>ist ein deutscher Jurist, Journalist und Autor. Er leitet das Ressort f\u00fcr Innenpolitik bei der S\u00fcddeutschen Zeitung in M\u00fcnchen und ist Mitglied der Chefredaktion.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fritz Jacobi . 2012<\/h2>\n\n\n\n<p>K\u00f6rper zwischen Statuarik und Anschauung<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schaffen von Andreas Theurer seit Anfang der 1990er Jahre<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahre 2001 begann Andreas Theurer mit der Gestaltung einer Werkreihe von \u00fcberlebensgro\u00dfen Holzfigurationen, die zu den Hauptwerken seines Schaffens in der j\u00fcngeren Vergangenheit geh\u00f6ren. Stelenartig aufragende menschliche K\u00f6rper vermitteln in Arbeiten wie \u201eCassandra\u201c, 2001\/2003, \u201eGeflecht\u201c, 2001\/2003, \u201eVerflochten\u201c, 2001\/2004, \u201eRequiem\u201c, 2001\/2004, \u201eThanatos\u201c, 2003\/2004, oder der B\u00fcndelung mehrerer Gestalten in \u201eEntwurzelt\u201c, 2004, eine starke, blockartig verdichtete skulpturale Kraft. Obwohl sie von einer beinahe expressiven Formensprache gepr\u00e4gt erscheinen, erinnern sie doch eher an elementare Gef\u00e4\u00dfformationen, die \u2013 sorgsam ineinander gefugt \u2013 die Wirkung tektonisierter K\u00f6rpergebilde annehmen. In diesen aus Kiefernholz gearbeiteten Figurationen, die zus\u00e4tzlich noch mit meist dunkler Beize und Farbe behandelt wurden, dominiert ein straff verspanntes Rhythmusprinzip. Nicht nur die zur Eigenst\u00e4ndigkeit neigenden kubischen Teilpartien, sondern auch das Konturen betonende Netzwerk geometrisierender Lineamente gliedern die Skulpturen in fl\u00e4chige Segmente, lassen zugleich aber den Eindruck entstehen, als ob hier gratige Felsmassive aus dem Boden erwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Menschenzeichen muten an wie verschattete Wesen, deren lebendiger Entfaltungsdrang in einer gleichsam erstarrten Ummantelung fest eingebunden wird. Die Gestaltgef\u00fcge von Andreas Theurer stehen in dem grundlegenden Konflikt zwischen organischer K\u00f6rperbildung und abstrahierter Formenwelt. Das erkennbar Leibhafte erf\u00e4hrt durch die freien Strukturen wie schr\u00e4ge Linienverl\u00e4ufe, verkantete Vorspr\u00fcnge oder scharfe Durchbr\u00fcche eine sp\u00fcrbare Verfremdung, die deutlich auf eine ganz bestimmte gestalterische Intention verweist: die Synthese von plastischen und bildnerischen Wirkungsformen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch kann das Au\u00dfen wie das Innere zeichnen!\u201c, bekannte Andreas Theurer j\u00fcngst bei einem Atelierbesuch und formulierte damit etwas zugespitzt ein Credo, das ihn nunmehr seit \u00fcber zwei Jahrzehnten mehr und mehr besch\u00e4ftigt hat. Schon um 1991\/1992 tendierten seine Skulpturen zu einer zunehmend fl\u00e4chenhaften Au\u00dfenwandung in streng gefassten Kuben oder sie verwandelten sich mitunter sogar in breit gezogene K\u00f6rper-Bilder, die mit einer deutlichen Schm\u00e4lerung des realen Volumens einhergingen und stattdessen den optischen Eindruck von r\u00e4umlicher Tiefe suggerierten. Schon damals zeichnete sich eine Entwicklung ab, welche in der Folgezeit eine immer st\u00e4rkere Bedeutung erlangen sollte: Im Verh\u00e4ltnis von K\u00f6rper und Raum suchte Theurer eine Gestaltungsform, in der das Plastische einerseits als reale Gegebenheit mit all ihren k\u00f6rperlich-haptischen Eigenschaften zum Tragen kommt, andererseits aber auch als visuelle Erscheinungsform des Dreidimensionalen wahrgenommen wird. Die nach au\u00dfen dr\u00e4ngende Kraft des Skulpturalen sollte sich mit der Intensit\u00e4t des Augen-Blickes verbinden \u2013 sehr entfernt mit der Reliefgestaltung verwandt, doch letztlich auf eine ganz eigene Auspr\u00e4gung plastischer Auffassung gerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht dem Bildhauer und Objektk\u00fcnstler Andreas Theurer im \u00fcbertragenen Sinne um eine \u201eEntschwerung\u201c der Skulptur und gleichzeitig um den Hinzugewinn einer offeneren Betrachtungsart, gleichsam um eine neue Mehrschichtigkeit plastischen Begreifens. Es ist ihm in vielen seiner Werke gelungen, diese Ambivalenz des Realen in k\u00fcnstlerischer Form aufzubereiten, indem seine Skulpturen gewisserma\u00dfen aus ihrer Verankerung gel\u00f6st und in \u00fcbergreifende Zusammenh\u00e4nge gestellt werden. Die Gewichtigkeit des K\u00f6rperlichen und die Lesbarkeit der Fl\u00e4che, reale Raumverdr\u00e4ngung und illusionistisches Bild sowie figurale Anmutung und zeichenhafte Verknappung verschwistern sich in seinen Arbeiten zu einer Anschauungsform, welche das plastische Gegen\u00fcber anders reflektieren l\u00e4sst. Aus der Vielzahl seiner oft auch experimentell angelegten Arbeiten seien hier nur drei Werkgruppen, die \u00fcber Jahre hinweg zu immer wieder modifizierten Fassungen einer Grundidee gef\u00fchrt haben, herausgegriffen und etwas n\u00e4her behandelt. Schon seit 1991 begann f\u00fcr Andreas Theurer die schr\u00e4ge Form in verkanteten W\u00fcrfelformationen eine wirklich pr\u00e4gende Rolle zu spielen. Am Anfang entstand die \u201eKleine Illusion\u201c, 1991, der die \u201eGro\u00dfe Illusion\u201c, 1992, \u201eZeit-Raum II\u201c, 1993\/2000, \u201ePlatons W\u00fcrfel\u201c, 1995, die Reihe kleiner Torgebilde wie \u201ePotemkinsches Haus\u201c, \u201eF\u00fcr Paul Virilio\u201c oder \u201eFremder Horizont\u201c und \u201eLabyrinth\u201c, 2000, folgten. Auch die Reihen der \u201eRuine\u201c-Tafeln, 2002\/2004, und der \u201eZeit-Faltungen\u201c, 2009\/2011, geh\u00f6ren in diesen Werkverbund, denn in all diesen \u00fcber die Fl\u00e4che ausgebreiteten K\u00f6rperzeichen sto\u00dfen richtige perspektivische Ansichten mit einer fehlenden plastischen Entsprechung oder einem unvermittelten horizontalen Beschnitt direkt aufeinander. Irritiert versucht der Betrachter, der von der spannungsvollen Klarheit der Formbildung angezogen wird, die jeweilige Anschauung zu vollenden, muss sich letztlich aber darauf einstellen, den beiden Wahrnehmungsformen ihre Geltung zu belassen. Man denkt unwillk\u00fcrlich an optische T\u00e4uschungen und wird sich der Relativit\u00e4t des Sehens bewusst.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen anderen Weg der \u00dcberschneidung unterschiedlicher Wahrnehmungen w\u00e4hlt Theurer, wenn er die M\u00f6glichkeiten flacher Metallplatten im Hinblick auf ihre r\u00e4umlichen Entfaltungen auslotet. 2007 ergab sich f\u00fcr ihn im Rahmen eines Auftrages f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Raum die Gelegenheit, mit gro\u00dfen Stahlblechen zu arbeiten. Das \u201eOffene Haus\u201c, das in der N\u00e4he des Berliner Nollendorfplatzes Aufstellung fand, vereint die Darstellung einer Figur, die zur H\u00e4lfte als positive Umrissfl\u00e4che, zur anderen H\u00e4lfte als ausgeschnittene Negativfl\u00e4che gestaltet wurde, mit der dachartig abgeschlossenen Form eines Geh\u00e4uses, das ebenfalls mit einem T\u00fcr \u00e4hnlichen Ausschnitt versehen ist. In weiteren verwandten Arbeiten wie \u201eGrenzland\u201c, \u201eAnnexion\u201c, beide 2008, und \u201eChronos\u201c, 2010, variiert Theurer diese ineinandergreifende Dualit\u00e4t von Figur- und Wandfl\u00e4che, w\u00e4hrend er in \u201eSchwerelos\u201c und \u201eFreiraum\u201c, beide 2008, den Ausklappungsm\u00f6glichkeiten der reinen Geometrie des Quadrats in die r\u00e4umliche Gestalt hinein nachsp\u00fcrt. Die wechselseitige Beziehung von fester und offenen Form besch\u00e4ftigt hier das betrachtende Auge, animiert zum gleichzeitigen Sich-Gegen\u00fcberstellen und l\u00e4sst diesen permanenten Schwebezustand zwischen dem Durchg\u00e4ngigen und dem Unzug\u00e4nglichen f\u00fchlbar werden, der uns eigentlich t\u00e4glich in mannigfaltiger Art und Weise begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie eine Vorbereitung auf diese Werkgruppe kann das 2003 in Holz gearbeitete, lebensgro\u00dfe \u201eHimmelstor\u201c gelten, das innerhalb einer vertikal errichteten Wand den Ausschnitt einer menschlichen Figur \u2013 zum K\u00f6rperzeichen verknappt \u2013 vergegenw\u00e4rtigt und einer plastisch ausgeformten liegenden Figur gegen\u00fcberstellt. Dieser Bezug von aktivem Erscheinungsbild und passivem Realk\u00f6rper l\u00e4sst eine sehr intensive Metaphorik von Sein und Nicht-Sein entstehen, ohne wirklich nach der einen oder anderen Seite hin aufgel\u00f6st werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Durchdringung von Figur und Gegenstand spielt im Schaffen von Andreas Theurer immer wieder eine wesentliche Rolle, aber auch die pure Objektgestaltung pendelt sich h\u00e4ufig auf die Existenzproblematik des organischen K\u00f6rpers ein. Arbeiten wie \u201eThron\u201c, 2000\/2004, \u201eLabil\u201c, 2005, \u201eSchritt f\u00fcr Schritt\u201c, 2007, oder die unregelm\u00e4\u00dfig geformten Wandelemente \u201eRaum befl\u00fcgelt\u201c, \u201eRaumparadox\u201c, beide 2009, und \u201eArche\u201c, 2009\/2011, veranschaulichen eine merkw\u00fcrdige Instabilit\u00e4t, die sich als unw\u00e4gbare, doch gleicherma\u00dfen rustikale Spurenzeichen zwischen Werden und Vergehen erweist und damit impulsartig die wechselnden Positionen eines bewegten Seins symbolisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst sein gro\u00dfes, Wellen artig ausgespanntes \u201eDenkmal f\u00fcr Johann Georg August Wirth\u201c in Hof, 1998 in einer ersten und 2012 in einer leicht ver\u00e4nderten Fassung eingeweiht, tr\u00e4gt Z\u00fcge einer solch immerw\u00e4hrenden Ver\u00e4nderung, welche uns in der Natur, in der Gesellschaft oder auch im eigenen Sein stets begleitet. Diese begehbare Bodenskulptur sucht die Erdn\u00e4he und w\u00f6lbt sich doch in den Raum hinein, avanciert zum Objekt der Anschauung und l\u00e4sst sich zugleich in einen Ort von Handlung verwandeln \u2013 ein Spannungsverh\u00e4ltnis mithin, das den Werken von Andreas Theurer zumeist in \u00e4u\u00dferst anregender Form innewohnt. Cetin G\u00fczelhan hat diese Intentionen des K\u00fcnstlers einmal in sehr treffenden Worten so zusammengefasst: \u201eDie Dialektik in Theurers Arbeit ist offensichtlich. Bei aller formalen Strenge, Festigkeit und Statuarik f\u00fchren uns seine Skulpturen die Schieflage der Welt vor Augen. Denn wenn die Sicht der Dinge den eigenen Horizont \u00fcberwindet und verschiedene Perspektiven gleichzeitig gelten, dann schwankt die Welt, dann st\u00fcrzen die Linien, dann sp\u00fcren wir die Labilit\u00e4t unseres Daseins \u2013 und sehen die Welt mit Theurers Augen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Katalog \u201eFremder Horizont &#8211; Andreas Theurer\u201c, Damm und Lindlar-Verlag, Berlin 2012<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Fritz Jacobi<\/strong><br>(* 23. April 1944 in Dresden)<br>ist Kunsthistoriker in Berlin, Kustos an der Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen zu Berlin a. D.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Jochen Boberg . 2012<\/h2>\n\n\n\n<p>Zerbrechliches Kontinuum \u2013 Das Spiel mit Raum und Zeit<br><br>\u201eEs schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte.<br><br>&#8230; als ob die Menschen alle auf lebendigen, unaufh\u00f6rlich wachsenden, manchmal mehr als kirchturmhohen Stelzen hockten, die schlie\u00dflich das Gehen f\u00fcr sie beschwerlich und gefahrvoll machten, bis sie pl\u00f6tzlich von ihnen herunterfielen.<br><br>(Ich w\u00fcrde) &#8230; die Menschen (und wenn sie daraufhin auch wahren Monstern glichen) als Wesen beschreiben, die neben dem so beschr\u00e4nkten Anteil an Raum, der f\u00fcr sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermesslich ausgedehnten Platz einnehmen in der ZEIT.\u201c<br><br>(Marcel Proust, Die wiedergefundene Zeit, letzter Absatz)<br><br>Alle Kunst \u2013 von Anfang an und unabh\u00e4ngig von Benennungen \u2013 ist Setzung&nbsp; im gelebten Raum, in durchlebter Zeit. Und wir haben es mit gro\u00dfer \u2013 lieber w\u00fcrde ich sagen \u201ewahrer\u201c \u2013 Kunst zu tun, wenn uns das von Proust so eigent\u00fcmlich beschriebene Verh\u00e4ltnis existenzbedingender Dimensionen durch sie ins Bewusstsein geriete, auf den Leib r\u00fcckte und damit im urspr\u00fcnglichen Sinn zum \u201eBild\u201c w\u00fcrde.<br><br>Einige Namen, die Theurer seinen Objekten gibt: \u201eRaum-Zeit\u201c, \u201eRelativer Raum\u201c, \u201ePlatons W\u00fcrfel\u201c \u2013 also das Objekt, das doch nur sein eigener Schatten ist, \u201eLabyrinth\u201c \u2013 unentrinnbar, \u201eGro\u00dfe Illusion\u201c \u2013 der gekippte Menhir, der Raumbrocken mit dem noch schwerer belasteten Sisyphos, \u201e Zeitfaltungen I \u2013 III\u201c \u2013 mit Sprache (Wissen) versetzte R\u00e4ume, die in die Zeit kippen, die geklappten \u201eFreir\u00e4ume\u201c, d\u00fcnnwandig und zeitdurchl\u00e4ssig, fr\u00fcher schon das \u201eRaumparadox\u201c, nicht zwei Seiten einer M\u00fcnze, sondern die Janusk\u00f6pfigkeit der Erfahrung, und dann das \u201eRequiem\u201c, der Mensch, der aus der Zeit geht, im Raum den Schatten hinterl\u00e4sst, den der noch vorhandene K\u00f6rper wirft.<br><br>Das sind nicht geistvolle Titel. Das ist die Wahrheit, also die Kunst des Andreas Theurer, wie ich meine: von Anfang an. Die fr\u00fchen Figuren nehmen mit aller Macht den Raum ein, der ihnen gegeben ist; dann die Figuren, die mit schwerer Last sie selbst sein m\u00fcssen: jeweils Portraits der inneren Befindlichkeit des Menschen. Selbst da, wo dann die menschliche Figur scheinbar fehlt, tritt an ihre Stelle die Sprache \u2013 wie beim Denkmal, oder der behauste Ort, an dem die Skulptur ihren Platz findet.<br><br>Nat\u00fcrlich wandelt sich bei Andreas Theurer mit der gelebten Zeit der Blick auf die Welt, \u00e4ndern sich auch die Materialien, mit denen er das ausdr\u00fcckt. Heute kennen wir&nbsp; das Innerste und \u00c4u\u00dferste der Welt, die Relativit\u00e4t von Raum und Zeit, die N-Dimensionalit\u00e4t des Alls, die Strings, die Wurm- und schwarzen L\u00f6cher im All. Da w\u00e4re es absonderlich, wenn ein in der Zeit lebender K\u00fcnstler das nicht wahrn\u00e4hme. Man kann es (wie ich finde: absch\u00e4tzig) Entwicklung nennen. Ich sehe darin mehr das starke, bewusste k\u00fcnstlerische Individuum, dem es ein Anliegen ist, uns auf dem Weg mitzunehmen. Das ist ein Privileg der Kunst, des K\u00fcnstlers.<br><br>Und noch etwas: Andreas Theurer arbeitet mit unterschiedlichen Materialien und in unterschiedlichsten Dimensionen: Stein, Holz, Metall, sogar mit Draht und Pappen. Seine Werke: manchmal winzig klein und dann wieder geradezu monumental. Ein Zeichen von Beliebigkeit? Nein, definitiv nein, denn neben aller inhaltlichen Kraft versteht er sein Handwerk. Er wei\u00df um die den Materialien innewohnende Kraft, die \u201eMateriallatenz, eine unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr gute Kunst. Das Zerbrechliche sagt Zerbrechliches, das Schwere Schweres, das Labile Labiles. Die Kunst, zumal die bildende, m\u00fcsse immer wieder durch das Material hindurch; erst dann k\u00f6nne sie wirken, wirklich sein, zutreffen. Das wei\u00df Andreas Theurer und handelt damit meisterlich. Hier ist \u2013 weil so oft vergessen \u2013 Anlass, \u00fcber Qualit\u00e4t zu sprechen, die das Kunsturteil bestimmen sollte. Nicht die Mode, nicht der Markt, nicht das Geschm\u00e4cklerische entscheiden am Ende \u00fcber den Wert der Kunst, sondern das gut gemachte und Bedeutung tragende Werk. Genau an diesem Ort ist Andreas Theurer.<br><br>Wie als Beweis daf\u00fcr taucht dann im Werk die Skulptur \u201eGoldstaub\u201c auf (Seite 54-55). Eine monumentale Figur, wie aus der Zeit genommen, den Raum beherrschend und vom Gold erleuchtet. Im Gegen\u00fcber mit diesem Bild bedarf es keiner divinatorischen Interpretation. Man muss sich auf den Dialog einlassen und wird eine eigene Welt erfahren.<br><br>Katalog \u201eFremder Horizont &#8211; Andreas Theurer\u201c, Damm und Lindlar-Verlag, Berlin 2012<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Jochen Boberg<\/strong><br>(* 20.06.41 in Wesel am Niederrhein)<br>ist Kunsthistoriker und Museumsdirektor, war zuletzt Direktor der Museumsdienste Berlin und verfasste zahlreiche Publikationen zur Kunst- und Kulturgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Herbert Schirmer . 2010<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00fcber Andreas Theurer, Katalog \u201eAteliers &amp; Werkst\u00e4tten\u201c, L\u00fcbben 2010<\/p>\n\n\n\n<p>Andreas Theurer h\u00e4lt die Verbindung zwischen Tradition und Moderne und baut damit zugleich eine Rezeptionsbr\u00fccke, die zwischen den fig\u00fcrlichen Skulpturen aus Stein und den abstrakten Gestaltungsformen aus Wellpappe vermittelt. Einerseits setzte er sich engagiert mit dem menschlichen K\u00f6rper auseinander, den er in seiner realistischen Auspr\u00e4gung wie ein Artefakt einer bedrohten, untergehenden Zivilisation behandelt, andererseits weist die Monumentalplastik \u201cHimmelstor\u201d deutliche Bez\u00fcge zur Minimal Art auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erinnert in ihren kompakten Volumen und der geometrischen Sprache an industrielle Formen. Massiv geschlossene neben durchl\u00e4ssigen Einzelformen suggerieren ein Tor, das Durchl\u00e4ssigkeit gegen\u00fcber dem Umraum markiert und dessen zeichenhafte Signifikanz f\u00fcr eine Spiritualisierung der Skulptur steht. Ein k\u00fcnstlerisches Konstrukt, in das Eindeutigkeit, R\u00e4tsel und ironische Brechung zu gleichen Teilen eingehen. Das trifft auch auf die bestechend klare Sachlichkeit und die konstruktivistischen Elemente in den aus Wellpappe geformten Objekten zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Deren Intensit\u00e4t wird durch die zeitgen\u00f6ssische Obsession f\u00fcr das Thema Informationsgesellschaft gesteigert. Wortspiele und Textfetzen, die als fragmentarisch lesbare Typografie der konstruktiven Erscheinung des Objektes angepasst sind, transferieren die allgegenw\u00e4rtigen Informationsmedien auf die Ebene sozialer Kommunikationsklischees.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herbert Schirmer<\/strong><br>(* 8. Juli 1945 in Stadtlengsfeld)<br>war von April bis Oktober 1990 Minister f\u00fcr Kultur der DDR im Kabinett von Lothar de Maizi\u00e8re. Er lebt als Journalist in Lieberose und ist Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung Neue Kultur.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00c7etin G\u00fczelhan . 2006<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Dialektik in Theurers Arbeit ist offensichtlich. Bei aller formalen Strenge, Festigkeit und Statuarik f\u00fchren uns seine Skulpturen die Schieflage der Welt vor Augen. Denn wenn die Sicht der Dinge den eigenen Horizont \u00fcberwindet und verschiedene Perspektiven gleichzeitig gelten, dann schwankt die Welt, dann st\u00fcrzen die Linien, dann sp\u00fcren wir die Labilit\u00e4t unseres Daseins &#8211; und sehen die Welt mit Theurers Augen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00c7etin G\u00fczelhan<\/strong><br>(* 1961 in Gaziantep, T\u00fcrkei)<br>ist Kunsthistoriker. Er forschte im Topkapi-Palast in Istanbul \u00fcber Aby Warburg, ist Berater der Kunstmesse &#8222;Contemporary Istanbul&#8220; und Kurator zahlreicher Ausstellungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eugen Gomringer . 1998<\/h2>\n\n\n\n<p>Festrede zur Einweihung des Wirth-Denkmals in Hof am 26.07.1998<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Damen und Herren,<br>dass unsere Gesellschaft &#8211; Gesellschaft im weitesten Sinne verstanden &#8211; Schwierigkeiten hat mit Denk- und Mahnmalen, ist nicht erst durch die Auseinandersetzungen \u00fcber ein Holocaust-Denkmal in Berlin bewusst geworden. Es sind fast nur noch die Diktaturen, die hemmungslos Standbilder jeder Dimension sich leisten. F\u00fcr sie liegt die \u00c4sthetik fest. Nicht aber so bei uns, und einer der Schwierigkeiten der Demokratie wird es immer sein, sich festlegen zu k\u00f6nnen auf eine bestimmte bildnerische Aussage. \u00dcberdies haben wir ja von k\u00fcnstlerischer Seite schon lange keine verl\u00e4sslichen Stile mehr, sondern viele Kunstreflexionen und viele Argumente f\u00fcr alle Gegens\u00e4tze. Die Kunst genie\u00dft Freiheit wie nie zuvor, was unter anderem, wie ein ganz aktueller deutscher Philosoph bemerkt, dazu f\u00fchrt, dass sie gar nicht mehr die Konsensfrage stellen l\u00e4sst, sondern die Bestimmung dessen, was als Kunst z\u00e4hlt, immanent behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, was unser Denk- und Mahnmal betrifft, bestand der Wunsch von Seiten der Auftraggeber und Stifter, dass es nicht nur eben ein Denkmal f\u00fcr Dr. Wirth sein sollte, sondern zudem noch ein Kunstwerk. Dieser letzteren Forderung habe ich es wohl zu verdanken, meine Damen und Herren, dass mir die Ehre zuf\u00e4llt, das vorliegende Werk in seiner \u00e4sthetischen Funktion zu w\u00fcrdigen. Ich bin kein Historiker und mit Wirth verbindet mich au\u00dfer einem menschlichen Verst\u00e4ndnis gerade ein Aufenthalt vor sieben Jahren im Schweizer Kanton Thurgau am Bodensee, der meiner R\u00fcckkehr nach Deutschland, nach Oberfranken, allerdings besseren Vorschub leistete als ihm, Dr. Wirth.<br>Sein reichhaltiges, aber geplagtes Leben lag den Wettbewerbsteilnehmern in einer ausf\u00fchrlichen Beschreibung vor. Thematisch einschr\u00e4nkend war, dass Wirth f\u00fcr Freiheit und Humanit\u00e4t als ein Mann des Wortes und der Schrift, als unerm\u00fcdlicher Gr\u00fcnder und Verfasser von Publikationen, k\u00e4mpfte. Denn es hat sich in der Geschichte der Kunst immer wieder die Frage gestellt, wie man einem Schriftsteller mit einem Denkmal gerecht werden kann. Fr\u00fcher, als man sich nicht scheute, einen Menschen, vornehmlich einen Mann, in seiner gewohnten Kleidung vorzustellen, eventuell noch mit Hut, sicher aber mit einem Buch und der Schreibfeder, war eine solche L\u00f6sung weit verbreitet. Der eine oder andere n\u00e4hert sich in fremden St\u00e4dten einem solchen Denkmal und liest an dessen Sockel Namen und einige Werktitel ab. Damit ist das Denkmal eine Erinnerung an anno dazumal. Weniger lange ist es her, dass man dazu \u00fcberging, nur noch den markanten Kopf eines Dichters auf einen Sockel zu stellen um damit den geistigen Gehalt einer Figur hervorzuheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie offen man heute selbst an ein so einschr\u00e4nkendes Thema gehen kann, hat der Hofer Wettbewerb gezeigt. Mit den mehr als 60 Einsendungen wurde eine imposante Skala von Inter-pretationsm\u00f6glichkeiten, die wir heute zur Verf\u00fcgung haben, vorgestellt. Von der Realistik, wenigstens im Detail, \u00fcber Konzeptionelles bis zum Konstruktiv-Konkreten &#8211; ja sogar etwas Humoristisches war dabei &#8211; reichte die Auswahl und spiegelte die Freude an der Auseinandersetzung mit Mensch und Thema Wirth. Es musste bei der Wahl vor allem darum gehen, wie ein K\u00fcnstler den gegebenen Vorwurf definierte und wie er seine Idee zum sichtbaren Ereignis zu machen gedachte. Wie aber definiert man die Arbeit, das Wesen, den Geist von Dr. Wirth? Vork\u00e4mpfer f\u00fcr gesetzliche Freiheit und deutsche Nationalw\u00fcrde. ? Ja ! Freiheit dem Wort und der Demokratie? Ja &#8211; das sind Begriffe einer nicht-\u00e4sthetischen Funktion. Sie m\u00fcssen \u00fcbersetzt werden in Darstellbarkeit, in ein visuelles, ja eventuell haptisches Medium. Die Juroren, die einf\u00fchlend mitdenken und urteilen m\u00fcssen, hatten wie die K\u00fcnstler die Frage der Definition und der Imagination gleicherweise zu beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war ausschlaggebend f\u00fcr die Wahl des Entwurfs von Andreas Theurer. Denn es hei\u00dft in der Begr\u00fcndung seiner Wahl unter anderem: das Thema sei erkennbar. Ein ganz wichtiger Satz. Denn gerade daran scheitern oft hochkar\u00e4tige K\u00fcnstler und hervorragend \u00e4sthetische Werke. Ich darf kurz einf\u00fcgen, dass ich zum Beispiel an das Georg B\u00fcchner-Denkmal von Max Bill, mich erinnere, das jedermann f\u00fcr eine wunderbare Skulptur h\u00e4lt. Allein sie ist nicht nur f\u00fcr B\u00fcchner gut, sondern f\u00fcr jeden, der einen wei\u00dfen Marmorkubus als geistige Aussage umgeben von einer dunklen amorphen Gesteinsmasse verdient.<br>Es sind deren Viele. Oder das herrliche begehbare Denkmal des Wettbewerbs f\u00fcr den unbekannten politischen Gefangenen, des gr\u00f6\u00dften internationalen Wettbewerbs der ersten Nachkriegsjahre. Wer damals, man muss es eingestehen, ein bisschen Stacheldraht und Gef\u00e4ngnis ant\u00f6nte, war besser als wer die Ausweglosigkeit des Menschen platonisch-konstruktiv verallgemeinerte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Hof haben wir nun eine denkbar gute L\u00f6sung. Ich nannte sie im stillen Br\u00fcten genial. Der K\u00fcnstler Andreas Theurer hat den Bezug zu Wirth \u00fcberzeugend definiert. Ja, er hat alles, was wir uns unter Wirth vorstellen auf den einen Punkt gebracht , den wir in der Gr\u00fcndung und zum Wiederaufflackern im Todesjahr in der \u201eDeutschen Trib\u00fcne\u201c erkennen. Auch f\u00fcr den Nichthistoriker ist das Auftreten dieses Begriffs \u201eDeutsche Trib\u00fcne\u201c ungemein vordringlich und markant. Darauf kann man sich einigen.<br>Wie aber sollte diese Zeitschrift realistische Formen annehmen, ohne Imitation und historisches Requisit zu werden, ein anno dazumal? Eine weitere Filtration f\u00fchrte zur Schrift, zum Schriftsatz als Bindeglied zum Schriftsteller Wirth. Wie aber pr\u00e4sentiert man Schrift, S\u00e4tze, W\u00f6rter in der \u00d6ffentlichkeit? Hinzu kam der Ort, der kleine Platz. Das ist g\u00fcnstig f\u00fcr die Demokratie, besser als das halbheimliche Versteck in einem Park, besser als die Feierlichkeit auf einem H\u00fcgel. Denn immer wo \u00f6ffentliche R\u00e4ume Menschen einweisen, findet man am Schluss einen Platz. Der Platz konzentriert, mag seine Umgebung noch so disparat sein. So kommt alles zusammen: die Trib\u00fcne in Form einer Trib\u00fcne passt auf einen Platz, der auf den Schriftsatz konzentriert und das begehbare Material, den Pflasterstein liefert. Doch die schwierigste Frage ist wohl die Erinnerung an das Wort und seine Gestaltung. Bedenkenswert ist, dass es auch in seiner symbolischen Form nicht mit F\u00fc\u00dfen getreten werden soll. Ein lesbarer Text w\u00fcrde auf die Jahre vor und um 1848 verweisen, also zu Geschichte werden. Theurer will etwas anderes \u201er\u00fcberbringen\u201c. Er l\u00e4sst nur den Titel \u201eDeutsche Trib\u00fcne\u201c stehen, aber so, dass auch er der Geschichte entzogen scheint. Es fehlt das \u201eD\u201c von Deutsch. Es ist eben ein Blatt der Immerzeit. Damit das alles ganz stimmt und kein realistischer Auszug aus der Trib\u00fcne unter die F\u00fc\u00dfe kommt, ist das gro\u00dfe Blatt wie von einer Welle bewegt und die Schrift auf der Welle ist Schrift der Immerzeit; es sind nur Bildpunkte. Bewegte Schrift, bewegte Schreibe ist ein sch\u00f6nes Denkmal und, wie ich meine, sehr in der N\u00e4he von Wirths Leben und bewegenden K\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann Kunst, wenn sie ihren Auftrag und sich selbst genau definiert, die Geste in der Gesellschaft wagen. Es wird dieses Blatt zu einer, wie Theurer das treffend formuliert, schwebenden Kraft und dank seiner klugen Gestaltung zu einer Erhebung von Unten. N\u00e4heres wird in nobler Weise und erleuchtet von einer Lampe, die zum Platz geh\u00f6rt, nebenan erz\u00e4hlt. Die \u00e4sthetische Funktion ist erf\u00fcllt &#8211; zu hoffen ist jetzt, dass nicht stattfindet, was der Eingangs erw\u00e4hnte Philosoph vorbrachte, dass was zur Kunst z\u00e4hle, eine kunstimmanente Frage sei &#8211; nein, die Bev\u00f6lkerung sollte jetzt Besitz ergreifen von Wirth, von der Trib\u00fcne und die mitteilende Funktion, welche die Funktion der \u201eDeutschen Trib\u00fcne\u201c war, die Oberhand \u00fcber die \u00e4sthetische Funktion gewinnen lassen. Was in Hof geschehen ist, die Art und Weise wie Geschichte sich mit Gewinn f\u00fcr die Kunst und die \u00d6ffentlichkeit thematisieren l\u00e4sst, darf Vorbildcharakter beanspruchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Eugen Gomringer<\/strong><br>(* 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza, Bolivien)<br>gilt als Vater der Konkreten Poesie, arbeitete als Sekret\u00e4r von Max Bill an der HfG Ulm, war Leiter des Schweizerischen Werkbundes und lehrte Theorie der \u00c4sthetik an der Kunstakademie D\u00fcsseldorf.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Michael Pohly and John Robert Kelly . 2003<\/h2>\n\n\n\n<p>Perspektiven \u2013 ein Workshop und zwei Ausstellungen an der Faculty of Fine Arts der Kabul University<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung von Andreas Theurer (Auszug)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHat dieses vom Krieg verw\u00fcstete Land nicht andere Dinge viel n\u00f6tiger als Kunst?\u201d, fragte der deutsche Bildhauer Andreas Theurer, als ich ihm vorschlug, eine Ausstellung seiner Werke und einen Workshop an der Fakult\u00e4t der Sch\u00f6nen K\u00fcnste in Kabul durchzuf\u00fchren. \u201cNein\u201d, erwiderte ich und schilderte die Begeisterung und das Leuchten in den Augen der Angeh\u00f6rigen der Fakult\u00e4t der Sch\u00f6nen K\u00fcnste, als ich ihnen mein Projekt vorgestellt hatte. Ein Dialog sollte begonnen werden, wie er in diesem vergessenen Teil der Welt \u00fcber Jahre nicht hatte stattfinden k\u00f6nnen: in einem Land, in dem seit Jahrzehnten Gesetz und Ordnung au\u00dfer Kraft gesetzt sind, in dem gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der Waffe in der Hand ausgetragen werden &#8211; in einem Land in dem es keinen Platz gibt f\u00fcr zivile oder kulturelle Interessen und das durch eine alles bestimmende &#8222;Islamisierung\u201d dominiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese gewaltsame Veruntreuung einer ehemals stolzen, toleranten Religion \u2013 auch eines stolzen Landes \u2013 ist das traurige und be\u00e4ngstigende Erbe von jahrzehntelanger, m\u00f6rderischer Herrschaft der Mudjahidin, verk\u00fcndet durch den Djihad, wodurch diese ihre Anh\u00e4nger vereinigten und zu einem feurigen H\u00f6hepunkt anfachten um sich dem Einmarsch durch \u201egottlose\u201c Sowjets, wie sie von den afghanischen religi\u00f6sen Fanatikern bezeichnet wurden, entgegenzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um dem Petersberger Abkommen vom Dezember 2001 eine Chance zu geben, ist es notwendig, den zivilen Sektor in demselben Ma\u00df wie die humanit\u00e4re Hilfe und den Wiederaufbau zu st\u00e4rken. Die Ausstellung eines K\u00fcnstlers aus einem fernen Land wie Deutschland k\u00f6nnte die Entwicklung einer pluralistischen Gesellschaft unterst\u00fctzen. Der Wiederaufbau der Infrastruktur Afghanistans muss sich mit mehr als nur der Renovierung der \u00e4u\u00dferen H\u00fclle ihrer zerst\u00f6rten Geb\u00e4ude befassen, er muss auch die Institutionen selbst inhaltlich erneuern. Ziegel und M\u00f6rtel beschreiben nur das Umfeld \u2013 das Leben innerhalb dieser W\u00e4nde definiert das Potential einer zivilen Gesellschaft. Im Inneren der wiederer\u00f6ffneten R\u00e4ume der Kunstfakult\u00e4t schlummert die pulsierende Kraft eines lebendigen, dynamischen Austausches von Ideen und Bildern: dies ist das Ziel der Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Absicht der Werkschau und des Workshop mit dem Titel \u201cPerspektiven\u201d sollte der Beginn eines Dialogs mit afghanischen K\u00fcnstlern und der Bev\u00f6lkerung sein. Fremdartige Skulpturen und Bilder sollten zur Diskussion \u00fcber k\u00fcnstlerische Positionen veranlassen und die Auseinandersetzung mit kulturellen und individuellen Hintergr\u00fcnden und zuk\u00fcnftigen M\u00f6glichkeiten vorantreiben. Bewusst wurde ein K\u00fcnstler \u2013 Andreas Theurer &#8211; gew\u00e4hlt, dessen Werke weder plakativ noch fig\u00fcrlich sind, der aber erfahren ist im Umgang mit der Aufarbeitung historischer Momente. Sein Denkmal zu Ehren des Advokaten Wirth, der mit anderen 1832 eine Versammlung an der Burgruine Hambach einberief, zu der \u00fcber 30000 Menschen zusammenkamen und dort kr\u00e4ftig gegen die \u201eF\u00fcrstenknechtschaft und Reaktion\u201c gewettert hatten und in Vivats auf die \u201evereinigten Freistaaten Deutschlands\u201c und das \u201ekonf\u00f6derierte republikanische Europa\u201c ausbrachen, steht exemplarisch daf\u00fcr. Nicht nur die Art und Weise der Umsetzung, nein auch die Parallelen zu Afghanistan mit seinen &#8222;Warlords\u201c, mangelnder Einheit und kaum vorhandenen B\u00fcrgerrechten, geben Raum f\u00fcr Assoziationen, die das &#8222;Hambacher Fest\u201c mit dem Petersberger Abkommen als ein Fanal f\u00fcr eine gerechtere Zukunft in eine Linie stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits am Tage der Vernissage sahen \u00fcber 500 Besucher die Ausstellung. Staunend und manchmal ehrf\u00fcrchtig, begegneten sie den mitgebrachten Exponaten, die auf den frisch gewei\u00dften G\u00e4ngen des Fakult\u00e4tsgeb\u00e4udes pr\u00e4sentierte wurden: etwa drei\u00dfig, teils monumentale Skulpturen aus Stein, Bronze und Holz, Kuben und geometrische Formen in verzerrter Perspektive, Figurationen, die vielleicht noch entfernt an die menschliche Gestalt erinnern. Ungl\u00e4ubig von dem Dargebotenen best\u00fcrmten vor allem die jungen Studenten den deutschen Bildhauer und seinen Assistenten und suchten das Gespr\u00e4ch mit ihnen. Oder war es Ratlosigkeit, weil nach dem langen Bilderverbot vielleicht doch eher eine Sehnsucht nach fig\u00fcrlicher Kunst vorherrschte? Die Herausforderung war enorm und erforderte viel Kraft und gegenseitige Toleranz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne Zweifel, Andreas Theurers formale Komplexit\u00e4t und seine rigorose Dekonstruktion von Form im eigentlichen Sinne stellte eine radikale Abkehr von jenen Erfahrungen einer eher narrativen Fig\u00fcrlichkeit seiner H\u00f6rerschaft dar. Seine Leichtigkeit und Vertrautheit im Umgang mit dem Material ist bei den kleineren Arbeiten differenziert, komprimiert und destilliert zur Essenz einer Idee, w\u00e4hrend seine Hand bei anderen Skulpturen episch abstrakt und doch metaphorisch ist, grob aus dem Leben selbst gerissen, aber provokativ konkret. Sein Werk schien die jungen Betrachter gleicherma\u00dfen zu verwirren und zu hypnotisieren. Dies war ihr erster fl\u00fcchtiger Blick auf etwas, das wohl als \u201edekadente\u201c westliche Kunst bezeichnet wurde, insbesondere im Vergleich zur Ausdrucksweise des \u201esozialistischen Realismus\u201c und einige schienen v\u00f6llig ihre Fassung verloren zu haben, indem sie nach einem neuen \u00e4sthetischen Vokabular zur Beschreibung dieser oft fremdartigen Erfahrungen suchten. Andreas Theurers Abkehr von Normen der konventionellen abstrakten Kunst wurde in seinen kleinformatigen Bronzeplastiken deutlich, die vertraute Ansichten antiker Tempel und Kultst\u00e4tten wachriefen, passend zu den Vorstellungen der afghanischen Kunststudenten von Moscheen mit Pilastern oder Bildern aus Kunstlehrb\u00fcchern der griechischen und r\u00f6mischen Architektur. Die Bewegung der kr\u00e4ftigen, afghanischen Sonne erf\u00fcllte die Galerie indem sie die Lichtb\u00fcndel akzentuierte, die jene kleinen Metallgebilde durchstr\u00f6mten, welche auf groben, wei\u00dfen Ziegels\u00e4ulen hoch aufgestellt waren um die Strahlen einzufangen und in sonderbaren Winkeln durch den Korridor zu streuen. Zweifellos m\u00fcssen jegliche Bedenken, die Andreas Theurer \u00fcber die Wirksamkeit oder einfach \u00fcber die schiere Unwahrscheinlichkeit einer Ausstellung seiner Arbeiten in dem entlegenen Kabul empfunden haben muss, in dem Moment zu einer Offenbarung dahingeschmolzen sein, als sich Kinder wie Erwachsene begierig und freudig seiner neuen Vision v\u00f6llig hingaben. Die Menge bewegte sich ungeduldig von einer Arbeit zur anderen in der Hoffnung, die sich wandelnden Lichtwellen aufzufangen, w\u00e4hrend sich ihre Augen auf seine winzigen, schwebenden Tempel konzentrierten, die in der Hitze der Fenster gl\u00fchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dferen Werke, monumental in Format und Form, waren an den Kreuzungen der Korridore aufgestellt und erschienen manchmal als stumme W\u00e4chter, die den Verkehr durch die Galerie lenkten. Man sp\u00fcrte ganz offensichtlich das reliquienhafte an diesen Gargantuas, so als ob die Gestalten grob geschnitzt und vom K\u00fcnstler rau belassen worden sind, um den Verschlei\u00df durch die Zeit oder das Altern durch zahllose Generationen von H\u00e4nden, die ein \u00fcberliefertes oder \u00f6ffentliches Totem ber\u00fchren, zu simulieren. Formlos kopflos, handlos, ausdruckslos &#8211; oder nur mit geringen Andeutungen davon \u2013 konnte man nicht umhin, sie im Kontext dieser Zeiten in Afghanistan, als Vorwurf und als Aide-memoire f\u00fcr die gefallenen Buddhastatuen zu sehen, an die Theurers Skulpturen erinnern k\u00f6nnten. Es waren diese geisterhaft verh\u00fcllten, uns verfolgenden Figuren die, besonders wenn sie in abgeschiedenen Fluren einzeln aufgestellt waren, die beeindruckendste Wirkung erzielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese H\u00fcter, oft in fensterlose G\u00e4nge gestellt, einige sp\u00e4rlich beleuchtet durch gr\u00fcnliches Licht alter Leuchtstofflampen, schienen urzeitliche Patrouillen der Unterwelt zu sein, Entkommene aus einem expressionistischen UFA-Stummfilm von F.W. Murnau oder Fritz Lang. Die Wahrnehmung dieser Figuren balanciert zwischen Fig\u00fcrlichem und Abstraktem und gestattet dem Betrachter, die semantische Komplexit\u00e4t der Skulpturen zu vervollst\u00e4ndigen. Bei allem Eklektizismus von Ausstellungsst\u00fccken, wie den zerkl\u00fcfteten, differenzierten Statuetten auf Sockeln in den hellen, engen Hallen und den eher traditionell gerahmten Drucken, geht der st\u00e4rkste Eindruck von diesen riesigen, bedrohlichen und doch einladenden Skulpturen in jenen langen Korridoren aus. Sie waren das sine qua non der ausgestellten Werke. Fest steht, diese selbstsichere Mannigfaltigkeit von Gr\u00f6\u00dfe, Form, Gegenstand, Ma\u00dfstab und Material zeigt die Tiefe von Andreas Theurers Talent und weist darauf hin, dass er sein Publikum herausfordern wollte. Dies war in jeder Hinsicht eine Schau von bemerkenswerter Gewichtigkeit und Autorit\u00e4t \u2013 und Passion.<\/p>\n\n\n\n<p>Auszug aus: Katalog \u201ePerspectives\u201c<br>Idee und Konzept: Michael Pohly<br>Herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung<br>Verfasser: John Robert Kelly, Michael Pohly<br>\u00dcbersetzung: John Robert Kelly, Jacob Jan Scholtz<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Dr. Michael Pohly<\/strong><br>(* 27.02.1956 in Burgsinn)<br>ist ein deutscher Arzt und Ethnologe, Islamforscher und Afghanistan-Experte von der Freien Universit\u00e4t Berlin. Er arbeitete unter anderem f\u00fcr die Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul und lebt heute in der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. John Robert Kell<\/strong><br>st ein amerikanischer Filmemacher. Er lehrt an der Boston University of Southern California, ist Mitglied der Vereinigung Afghanischer K\u00fcnstler und Leitender Wissenschaftler f\u00fcr Film am Zentrum f\u00fcr Internationalen Journalismus in Kabul.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Werner St\u00f6tzer . 1993<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Kenntniss \u00fcber die Arbeit des Andreas Theurer f\u00fchrte zu dem Wunsch einer pers\u00f6nlichen Begegnung mit ihm. F\u00fcr mich, den \u00c4lteren, war das ein Gewinn. Der Begegnung folgte durch Neugierde ein Kennenlernen von Theurers Werk.<br><br>Auffallend war f\u00fcr mich, das sein Formbilden aus einer geistig-sinnlichen Betrachtung der Natur und durch Erfahrung bei der Arbeit erworben wurde. Seine Entwicklung basiert auf einem handwerklichen K\u00f6nnen, ich kann das beurteilen, er ist nicht stolz darauf, aber er hat seine Bildhauerei darauf gegr\u00fcndet. Er fand dabei Ma\u00dfst\u00e4be, die das Gewicht zweier Jahrtausende f\u00fcr sich haben.<br><br>Es gibt bei ihm keine erdachten Theorien, es ist vielmehr die unumg\u00e4ngliche Suche nach dem uralten Zusammenhang zwischen Stoff und Form. In einer Zeit, da alles und auch nichts zur Kunst erkl\u00e4rt werden kann, schl\u00e4gt er seine Skulpturen aus dem Stein, wissend um die Dauer der Arbeit. Will sagen, nicht f\u00fcr einen Apell, nicht f\u00fcr den Tag und schon gar nicht f\u00fcr eine Mode.<br><br>Es entsteht ein Arbeitsbild, kein Seinsbild. In diesem Arbeitsbild erscheinen nun seine Skulpturen &#8211; sie weisen sich aus durch ein Zusammengehen von bruchst\u00fcckartiger Vereinzelung und sch\u00f6ner Ausformung der Bruchst\u00fccke zur Harmonie eines Ganzen. Bei den besten St\u00fccken gebiert der Arbeitsprozess am Ende die Frische des Anfangs.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Werner St\u00f6tzer<\/strong><br>(* 2. April 1931 in Sonneberg; \u2020 22. Juli 2010 in Altlangsow)<br>war ein deutscher Bildhauer und Zeichner. Seit 1978 war er Mitglied der Akademie der K\u00fcnste der DDR und der sp\u00e4teren Akademie der K\u00fcnste, Berlin.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fritz Jacobi . 1992<\/h2>\n\n\n\n<p>K\u00f6rperfl\u00e4chen als Raumzeichen<\/p>\n\n\n\n<p>Zu neueren Skulpturen von Andreas Theurer<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist interessant zu sehen, wie sich in den letzten Jahren der bildhauerische Ausdruck von Andreas Theurer gewandelt hat. Im Zuge dieses Wandlungsprozesses, den man fast als Einschnitt in seiner k\u00fcnstlerischen Entwicklung bezeichnen kann, ist wohl die prinzipielle Bindung an die menschliche Figur nicht aufgegeben worden \u2013 auch wenn die Abstraktion zunehmend in die Gestaltfindung hineindr\u00e4ngt -, aber die Haltung zu ihr hat doch eine wesentliche Ver\u00e4nderung erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man diesen Vorgang in wenigen Worten zusammenfasst, so l\u00e4sst sich sagen: Andreas Theurer ist von einer k\u00f6rperbetonten, ganz auf das leibliche Volumen gerichteten Form zu einer statuarischen, st\u00e4rker in die Fl\u00e4che gespannten K\u00f6rperlichkeit gelangt, bei der eine spr\u00f6de, meist aufgerissene und nervige Au\u00dfenhaut die glatte, gerundete und den plastischen Kern \u00fcberziehende Oberfl\u00e4che der fr\u00fcheren Arbeiten abgel\u00f6st hat. Bis in die sp\u00e4ten achtziger Jahre hinein, bis zu seinem Wechsel von Braunschweig nach Berlin, dominierte in seinem Schaffen die massive, schwere und h\u00e4ufig von einer inneren Dramatik erf\u00fcllte Figur, zu der Theurer nicht zuletzt unter dem Einfluss seines Stuttgarter Lehrers Alfred Hrdlicka gefunden hatte und die er in einer durchaus verknappenden Form kubisch zusammenzog, um die enorme innere Spannung eines K\u00f6rpers nach au\u00dfen sichtbar zu machen. Die geballte Kraft des Physischen dr\u00fcckt sich in diesen meist gedrungenen Leibern dem Betrachter entgegen; eine zuweilen fast barocke Bewegungsenergie zeugt von den vitalen Intentionen des jungen K\u00fcnstlers. Wenngleich hier Anregungen von Bildhauern wie Giuliano Vangi, Waldemar Grzimek oder J\u00fcrgen Weber eingeflossen sind, so ist das Streben von Theurer nach einer eigenen, der blockhaften Archaik angen\u00e4herten oder auch einer grazilen Formenrealistik zugewandten Ausdrucksform deutlich zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Man gewinnt aufgrund der Arbeiten aus den letzten Jahren den Eindruck, dass Andreas Theurer zunehmend zu sich selbst gefunden hat und nun im Begriff ist, die ihm gem\u00e4\u00dfe k\u00fcnstlerische Sprache konsequent auszuformen und zu entwickeln. Die neuen Skulpturen haben eine Frische und Unmittelbarkeit, die in diesem Ma\u00dfe bisher nicht dagewesen ist. Die feste, zuweilen einzw\u00e4ngende H\u00fclle ist abgeworfen worden; seine Gestaltbildungen zeigen sich nun in einer narbigen, gebrochenen und eigenwillig rhythmisierten Form. Die Spuren des Werdens bleiben sichtbar und deuten damit zugleich auf die Verg\u00e4nglichkeit hin, die sie zu eigenartigen Markierungen des Vor\u00fcbergehenden macht. Da, wo vormals die Eindeutigkeit des K\u00f6rperlichen den Raum verdr\u00e4ngte, stehen nun schmalgliedrige, blattartig ausgebreitete Formen, die den Raum aufnehmen oder in ihn hineinsto\u00dfen, sich mit ihm verbinden. Die fragile Gef\u00e4hrdung, durch torsierte und fragmentarisch belassene Formstrukturen auf den Plan gerufen, pr\u00e4gt nun die Figurationen von Andreas Theurer.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Plastiken und Skulpturen \u2013 vor allem der Sandstein spielt jetzt eine beherrschende Rolle bei den von ihm verwendeten Materialien \u2013 sind Gestaltzeichen geworden, die noch auf den menschlichen K\u00f6rper hindeuten, ihn zugleich aber \u201everschleiern\u201c, aufbrechen, segmentieren oder ihn in abstrahierte Formgef\u00fcge einbinden. Die K\u00f6rper wirken zum Teil wie entmaterialisiert, wie schattenhafte Verschwebungen, die sich einem stabilen Standort zu entziehen und wie schemenhafte Figurinen vor\u00fcberzugleiten scheinen. Ihre Deutbarkeit erw\u00e4chst vor allem aus dem Kontur, der die oft flache und nach den Seiten hin ausgreifenden Formzonen h\u00e4lt und gratartig begrenzt. Die Binnenformen selbst entwickeln sich wie karge Landschaften, die \u2013 von Kerbungen durchzogen \u2013 behutsam gesetzte Erh\u00f6hungen und Vertiefungen in sich vereinen. Felsartige Verkrustungen wechseln mit harten Einschnitten; ausgespannte, fast gleichbleibende Fl\u00e4chenpartien kontrastieren mit blockhaften Durchbr\u00fcchen oder Vorst\u00f6\u00dfen, h\u00e4ufig begleitet von farbig aufgetragenen Linienger\u00fcsten, die das Netz der Verzweigungen unmerklich auf anderer Ebene weiterf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfe Form des Blockes, vielfach in die aufstrebende Form der Stele hineingef\u00fchrt, und die empfindsam geschichtete Struktur der \u201eAu\u00dfenwandung\u201c erg\u00e4nzen sich zu einer stillen, fast versonnenen Erscheinung, die zugleich eine eigenartig bewegte, gleichsam vibrierende Ausstrahlung vermittelt. Diesen Skulpturen ist ein Moment der Meditation eigen. Die Kr\u00e4fte werden wohl gesammelt, geb\u00fcndelt, gerichtet, aber andererseits wird kaum ein fester Anhaltspunkt gew\u00e4hrt und immer wieder die Ganzheitlichkeit des Formgef\u00fcges vor Augen gef\u00fchrt. Nur selten ist die Mitte, das Zentrum betont: vielmehr verteilen sich die plastischen Str\u00f6me feld- und gew\u00e4chsartig \u00fcber die oft reliefhaft ausgedehnten K\u00f6rperfl\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p>So liegt es nahe, dass f\u00fcr Andreas Theurer das Wechselspiel der Formen eine wesentliche Bedeutung erh\u00e4lt. Am deutlichsten wird diese Beziehung in den Zweifigurengruppen wie dem \u201eDialog\u201c, einer feinf\u00fchlig gestalteten Paarung zweier fast lebensgro\u00dfer K\u00f6rper, bei der die Gegen\u00fcberstellung der beiden aufgerichteten Figuren zugleich ein Nebeneinanderstehen ist, was zu einer vergleichenden Betrachtung auffordert und den Blick hin- und herwandern l\u00e4sst. Aber auch die Einzelfiguren tragen dieses potentielle Hin\u00fcber- und Her\u00fcbergleiten des Blickes in sich. Die gegens\u00e4tzlichen Betonungen sind meist in die Seiten hineinverlagert und bilden von daher das Spannungsger\u00fcst, das den Betrachtungswechsel animiert. Bei Arbeiten wie dem \u201eTanz\u201c, dem \u201eMagischen Quadrat\u201c, der \u201eKleinen Illusion\u201c oder der \u201eTisch-Dame\u201c ist das deutlich zu beobachten, aber auch Skulpturen wie die sorgsam aufbereitete \u201eBalance\u201c \u2013 auch hier deutet der Titel schon auf eine solche Wertigkeit hin \u2013 und der gr\u00f6\u00dfte Teil der neueren Werke sind in eine solche Polarisierung eingebunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Andreas Theurer hat in der herben Berliner Atmosph\u00e4re und sicherlich auch durch Anregungen seiner Bildhauerkollegin Azade K\u00f6ker zu einer eigenen sensiblen Gestaltung gefunden, in der sich das Moment einer archaischen Zur\u00fcckhaltung mit einer wohltuenden Klarheit vereint. Man f\u00fchlt hier wirklich empfundene Reibungen am Sinn und Sein des Lebens, Begegnungen vor allem mit der menschlichen Existenz in ihrer Verflechtung mit ihrem Umraum und dessen Dimensionen. Es ist ein sehr intensives Nachsp\u00fcren, das sich in seinem Werk vollzieht. Das Ertasten des Leiblichen, das bis zu einem gewissen Grade aus seiner eigentlichen Mitte herausgenommen, in ein unaufhaltsames Wechselspiel der Kr\u00e4fte hineingestellt wurde und sich mehr und mehr in einem alles durchdringenden Rhythmus von Zeit zu behaupten hat, ist bei Andreas Theurer zur haupts\u00e4chlichen Gestaltungsintuition geworden. Er befindet sich auf dem Wege; seine in den letzten Jahren entstandenen Werk-Zeugnisse sind von einer nachhaltig ber\u00fchrenden Wirkungskraft. Verharrung und Bewegung vereinen sich in Figurationen, die Aufbruch und Ausklang gleicherma\u00dfen in sich tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Katalog &#8222;Theurer&#8220;, Bildhauergalerie Messer-Ladwig, Berlin, 1992<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Fritz Jacobi<\/strong><br>(* 23. April 1944 in Dresden)<br>ist Kunsthistoriker in Berlin, Kustos an der Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen zu Berlin a. D.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Texte Antje Lechleiter . 2018 zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung &#8222;Positionen im Raum&#8220; in der st\u00e4dtischen Galerie im Alten Rathaus in Lahr Sehr geehrte Damen und Herren,&#8222;Der Raum existiert nicht, man muss ihn schaffen. (\u2026) Jede Skulptur, die vom Raum ausgeht als existiere er, ist falsch, es gibt nur die Illusion des Raumes\u201c, h\u00e4lt Alberto Giacometti [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-12","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/12","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/12\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":450,"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/12\/revisions\/450"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreas-theurer.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}